Das offene Wir – Identität, die nicht vom Feindbild lebt

Vorarlberg / 06.01.2017 • 18:45 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Das offene Wir – Identität, die nicht vom Feindbild lebt

Altlandeshauptmann Dr. Herbert Sausgruber trifft sich fortan einmal monatlich mit VN-Chefredakteur Gerold Riedmann auf einen Kaffee, um über Gott und die Welt zu reden, politisch Grundsätzliches zu diskutieren. VN-Redakteur Michael Prock dokumentiert das Treffen bei Sausgrubers zu Hause in Höchst.

Lieber Herr Sausgruber, Sie waren über 30 Jahre in der Politik, haben von der Kommunalpolitik über die Innenpolitik bis zur Europapolitik als Teil des Ausschusses der Regionen das ganze Geschäft erlebt. Wie groß sind die Unterschiede zwischen den Ebenen?

Interessanterweise ähneln sich sehr viele Verhaltensmuster, viele sind sogar gleich. Ob in kleinen Vereinen, kleinen Gemeinden oder größeren Gemeinschaften wie der Bundesrepublik Deutschland. Vor allem, was die Wechselwirkung zwischen Führung und Mitgliedschaft angeht.

Die Methoden und Mechaniken eines Fußballvereins ähneln denen eines Staatenbundes?

Nicht in allem, aber in überraschend vielem. Die Grundmuster des menschlichen Verhaltens in der Gemeinschaft sind ident.

Sind solche Mechanismen im Hamsterrad der Tagespolitik überhaupt bemerkbar?

Meine Beobachtungen sind jene eines politischen Fußgängers. Dadurch fehlt manchmal der Blick aus der Vogelperspektive, dafür sieht man als Fußgänger vieles genauer. Bei längerer Beobachtung sieht man einfache Verhaltensmuster. Daraus kann der Hausverstand praktische Schlüsse ziehen.

Wie schwierig ist es, diesen Umstand im politischen Alltag in Erinnerung zu behalten?

Na ja, man muss halt hie und da nachdenken. Es bewährt sich, wenn man gelegentlich nachdenkt (schmunzelt). Es bewährt sich auch, wenn man gelegentlich nachdenkt, bevor man redet. Oft passiert es umgekehrt, wenn überhaupt.

Ein echter Sausgruber-Satz wär’s jetzt noch mit der Beifügung „in Wien“.

(lacht) Ich war gerade in Wien. Es ist eine wunderbare Stadt. Auch die Wiener sind … – Lassen wir das besser.

Na gut. Die Tagespolitik hangelt sich von einem Beliebtheitswert des Politikers zum nächsten. Ist das nicht störend?

Die Politik braucht Mehrheiten, also muss man sich um solche Dinge kümmern. Es ist nicht negativ, populär bleiben zu wollen. Im Gegenteil, es ist ein wesentliches Element der Politik. Es sollte nur nicht allein und bestimmend sein. Die Politik hat die Aufgabe, Gesamtstrategien durchzudenken, das langfristig Notwendige im Blick zu haben und dies mehrheitsfähig zu machen. Wenn man sich nur um Stimmungen kümmert, kann man jedenfalls keine langfristige Politik machen. Dieses Thema sollten wir bei einem der nächsten Treffen vertiefen.

Heute wollen wir uns der Gemeinschaft widmen. Als Vorarlberger empfinden wir diesen Zusammenhalt wahrscheinlich noch stärker als andere. Wie wichtig ist dieses Vorarlberggefühl, wie wichtig ist das Wir-Gefühl grundsätzlich?

Das Wir-Gefühl ist enorm wichtig. Es hat eine ähnliche Bedeutung wie das Selbstwertgefühl des Einzelnen. Diese Kraft ist notwendig, sie hält die Gesellschaft zusammen. Die enorme Bedeutung dieses Gefühls wird gewaltig unterschätzt, Identität ist eine Quelle von Motivation und Solidarität. Es funktioniert eben nicht alles nach Angebot und Nachfrage. Allerdings ist entscheidend, zu erkennen, dass es verschiedene Identitäten gibt. Die Familie, der Freundeskreis, die Gemeinde, auch eine Firma. Eine Region, ein Staat, wie auch immer. Verschiedene Zuordnungen eben.

Was ist mit den Menschen außerhalb des „Wir“?

Zum Wir-Gefühl gehört schon von der Begrifflichkeit her der Andere. Zu einem reifen Wir-Gefühl zählt, sein Selbstvertrauen und seine Stärke aus dem eigenen Zusammenhalt zu ziehen und nicht aus der Abwertung der anderen. Das heißt, wir brauchen ein starkes und selbstbewusstes Wir-Gefühl, das offen und respektvoll gegenüber anderen ist. Und keine Sündenbock- oder Feindbildproduktion.

Sind wir in Vorarlberg tatsächlich so souverän, wie Sie es in der Theorie beschreiben?

Nach meiner Erfahrung funktioniert Toleranz in der Praxis nicht mit Sonntagsreden, sondern nur dort, wo die Gemeinschaft ein selbstbewusstes Wir-Gefühl entwickelt hat. Aber eben nicht aus der Abwertung anderer. Und es ist ein völliges Missverständnis von Toleranz, wenn man meint, Toleranz bestehe darin, dass man Unterschiede negiert oder diese Unterschiede zumindest ignoriert oder zur Bagatelle macht. Die innere Unwahrheit dieser oft wohlmeinenden Haltung ebnet alles bis zur Wurstigkeit ohne Bedeutung ein, unter Umständen auch wichtige Elemente der eigenen Identität. Nach dieser Auffassung ist alles mehr oder weniger gleich und damit egal. Im Ergebnis kann das Übersehen von Unterschieden und Konflikten zum Erstarken der feindseligen Abwehr von anderen, von Fremden führen. Das ist das Gegenteil selbstbewusster Toleranz.

Das heißt konkret, christliche Symbole sind ein Teil der Kultur, die man leben darf und nicht aufgeben soll? Es gibt ja auch die Kruzifixdiskussion an Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen.

Jawohl. Ich halte es für leicht zumutbar und sogar für richtig, dass man das als Beispiel für unsere Identität nicht aufgeben darf. Und nicht, dass Pädagogen meinen, Toleranz bestehe darin, dass es keine Nikolausfeier mehr geben darf oder man statt von Weihnachten plötzlich von einer Lichtfeier spricht. Das halte ich für völlig verfehlt. Es führt letztlich dazu, dass instinktiv andere Kräfte mehrheitsfähig werden. Kräfte, die die Identität stärker betonen, aber durch die Abwertung anderer und durch Sündenböcke.

Sollen auch Muslime ihre Traditionen weiter ausleben dürfen?

Die offene Identität ist eine wichtige Grundlage der Integration von Migranten. Zur Integration gehört neben Kenntnis der Sprache und dem Willen zur Teilnahme an der Gemeinschaft die beiderseitige Identität. Toleranz ist der respektvolle Umgang mit Unterschieden, ohne dabei den Blick auf das Gemeinsame zu verlieren.

Sind reine Flüchtlingsklassen in diesem Sinne überhaupt eine Option?

Die Pflege der Identität darf die Bildung eines gemeinsamen Bewusstseins nicht stören und keine Elemente einer Parallelgesellschaft entwickeln. Gemeinsame Schule und Kindergärten sind zum Beispiel wichtige Elemente der Integration. Die Trennung in eigene Gruppen und Klassen oder gar in eigene Schulen und Kindergärten ist aus dieser Sicht problematisch und höchstens als Übergang vertretbar.

Inwiefern hat die falsche Auslegung von Toleranz mit der Political Correctness zu tun, die wir alle pflegen? Inwieweit hat unsere Sprache dazu geführt, dass bei den Menschen falsche Bilder und falsche Symbole ausgelöst wurden?

Es ist ein beachtlicher Verlust an Maß und Mitte feststellbar, in dem vereinfachend polarisiert wird. Entscheidend ist, dass man erkennt, dass Integration nur dann funktionieren kann, wenn Identitäten nicht aufgegeben werden. Man darf von Zuwanderern zwar nicht verlangen, ihre Identität völlig aufzugeben und sich zu assimilieren. Dennoch muss man Anpassungsleistungen fordern, die ein gutes Zusammenleben ermöglichen.

Auf den ersten Blick scheinen zwei Kulturen aufeinanderzutreffen, die völlig inkompatibel sind.

Freiheit und Toleranz bewegen sich in einem unverhandelbaren Rahmen. Und zwar jenem der Verfassung und der rechtsstaatlichen Ordnung. Die gilt gegenüber jedem, unabhängig von Staatsbürgerschaft und Herkunft. Dieser weite Rahmen lässt viele Freiheiten zu und enthält Elemente, die leider umstritten sind. Daher muss der Rahmen glaubwürdig und robust vertreten und am Ende durchgesetzt werden. Sei es das Gewaltmonopol des Staates, der Respekt gegenüber der Demokratie und der rechtsstaatlichen Ordnung oder die Gleichberechtigung der Frau.

Wer akzeptiert diese Grundwerte nicht?

Es gibt Tendenzen, diesen Rahmen infrage zu stellen. Wir dürfen keine Toleranz gegenüber jenen zeigen, die intolerant sind oder Intoleranz propagieren. Das muss jedem, der bei uns lebt, klargemacht werden, unabhängig von Staatsbürgerschaft und Herkunft.

Sollen im Mittelpunkt Bestrafungsankündigungen und das Aufzeigen von Grenzen stehen, oder soll in erster Linie das Gemeinsame betont werden?

Das Gemeinsame muss selbstverständlich im Blick bleiben. Die Bereitschaft, in der Gemeinschaft dabei sein zu wollen, darf man ruhig erwarten. Gleichzeitig müssen die Grenzen robust vertreten und klargemacht werden.

Das offene Wir – Identität, die nicht vom Feindbild lebt
Das offene Wir – Identität, die nicht vom Feindbild lebt
Das offene Wir – Identität, die nicht vom Feindbild lebt

Zur Person.

Dr. Herbert Sausgruber (70) war von 1997 bis 2011 Landeshauptmann von Vorarlberg. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität Innsbruck. Sausgruber ist verheiratet mit Ilga Sausgruber und hat zwei Söhne, eine Tochter und fünf Enkel.