Mit Langeweile nimmt die Unzufriedenheit zu

Vorarlberg / 18.01.2017 • 19:22 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Morthadha (im Bild mit seiner Tochter Nagam) stammt aus dem Irak. Er lebt seit Weihnachten im Flüchtlingsheim.  Fotos: VN/Philipp Steurer
Morthadha (im Bild mit seiner Tochter Nagam) stammt aus dem Irak.
Er lebt seit Weihnachten im Flüchtlingsheim.  Fotos: VN/Philipp Steurer

Die VN besuchten das Flüchtlingsheim Gaisbühel und lernten Bewohner kennen.   

Bludesch. (VN) Über einen abgewetzten Teppich geht es die Treppe hinauf zu den Zimmern der Asylwerber. Die meisten der 98 Flüchtlinge, die hier wohnen, sind in spartanischen Doppelzimmern untergebracht. Abdull Sattar (19) aus Afghanistan und sein Freund Mohammad Ali (21) aus dem Irak haben sich das Zimmer gemütlich eingerichtet. An den Wänden hängen Poster. An der Decke angebrachte Kuscheltiere geben dem Zimmer eine eigentümliche Note. In einem Regal stehen Pokale. Sie zeugen von der Fußballleidenschaft der Männer. Mit dem FC Röthis gewannen die zwei Kicker schon einige Turniere.

Ein guter Koch

Abdull Sattar und Mohammad Ali gehen auf den Balkon hinaus, um eine Zigarette zu rauchen. Der Blick von hier ist traumhaft. Den jungen Männern liegt Nenzing, das im Frost erstarrt ist, zu Füßen. Nach einigen Zügen drückt Abdull Sattar die Kippe aus. Er greift zu dem Kochtopf, der am Boden steht und bringt ihn ins Zimmer. Letzte Nacht bereitete er Beryani zu, ein Reis-Fleisch-Gericht. Der Afghane kocht gerne und gut. „Man sagt, dass ich die besten Bolani (Teigtaschen) im Haus mache.“ Bevor Abdull Sattar sich zur Schule aufmacht, möchte er noch mit seinem Freund zu Mittag essen. Die Heimbewohner, von denen die meisten noch auf einen positiven Asylbescheid warten, versorgen sich selbst. Es gibt zwei große Gemeinschaftsküchen.

Abdull Sattar, der vor seiner Flucht nach Österreich in Pakistan lebte und dort als Gehilfe in einer Bäckerei arbeitete, weiß, wofür er in die Schule geht und den Hauptschulabschluss nachholt. Sein Traum ist es, sich zum Metalltechniker ausbilden zu lassen. Der junge Mann, der seit zwei Jahren in Vorarlberg lebt, kann sich aber auch vorstellen, Maler zu werden. Weil ihm in den Weihnachtsferien langweilig war, malte er die zwei Küchen aus. Langeweile ist unter den Bewohnern – es sind vor allem junge Männer aus Afghanistan – ein großes Thema. „Mit der Abschaffung des Projekts Nachbarschaftshilfe ist die Langeweile größer geworden, und damit auch die Unzufriedenheit“, weiß Flüchtlingsberaterin Theresa Hutter (29). Sie bedauert, dass Asylwerber jetzt nicht mehr Privaten im Haushalt, im Garten oder beim Umzug helfen können. „Das war eine sinnvolle Beschäftigung für sie. Außerdem hatten sie dadurch Kontakt zu Einheimischen.“ Hutter ärgert es sehr, dass legale Arbeit für Asylwerber quasi unmöglich ist. „Es ist das Schlimmste, was man ihnen antun kann. Denn sie wollen arbeiten.“

Das dreiköpfige Team bemüht sich darum, die Bewohner zu beschäftigen. „Wir schicken sie zu Vereinen. Das wird gut angenommen. Aber wir bieten auch im Haus einiges an. Zu Weihnachten haben wir zum Beispiel Christbaumschmuck gebastelt und Kekse gebacken“, erzählt Betreuerin Angelika Battlogg (27). Sie arbeitet gerne hier. „Die Flüchtlinge sind hilfsbereit und gastfreundlich. Die Toleranz, die bei uns herrscht, würde ich mir in der Gesellschaft wünschen.“ Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern seien die absolute Ausnahme. „Ich hatte als Betreuerin noch keinen Tag Angst.“ Wenn es zu kleineren Reibereien käme, dann meistens wegen unterschiedlicher Hygieneauffassungen. Die Asylwerber sind für die Sauberkeit ihres Heims selbst verantwortlich. In den Gängen hängen Putzpläne an der Wand. Sie zeigen, wer an der Reihe ist.

Aya (19) säubert gerade das Gemeinschaftsbad. Die Syrerin ist mit ihrem Bruder vor einem Jahr nach Österreich geflüchtet. Sie ist froh um jede Beschäftigung. Weil sie schon recht gut Deutsch spricht, gibt sie Mitbewohnern öfter Nachhilfe. Derzeit sucht sie nach einer Wohnung. Aber es ist nicht ihr Wunsch, in Vorarlberg sesshaft zu werden. Wenn der Krieg zu Ende ist, möchte sie zurück in ihre Heimat. „Dort leben meine Eltern. Sie kämpfen gerade ums Überleben.“                                            

Als Flüchtlingsbetreuerin hatte ich noch keinen Tag Angst.

Angelika Battlogg
Stolz zeigen Mohammad Ali und Abdull Sattar (v. l.) die Pokale, die sie bei Turnieren gewonnen haben. 
Stolz zeigen Mohammad Ali und Abdull Sattar (v. l.) die Pokale, die sie bei Turnieren gewonnen haben. 

Link zum Video: http://VN.AT/su7Z2S