Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Sehnsucht nach einer Art Kaiser

Vorarlberg / 20.01.2017 • 18:36 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Nach rund 25 Jahren bzw. fünf Minuten nach zwölf tritt Erwin Pröll als niederösterreichischer Landeshauptmann ab. Soll heißen: Den richtigen Zeitpunkt hat er verpasst. Am Ende kam die Geschichte über seine Privatstiftung hoch. Allein das zeigt schon, dass sein System nicht mehr alles unter Kontrolle hatte. Immerhin aber wurde in den Bilanzen über seine Amtszeit auch Positives erwähnt: Dass er der Volkspartei bis zuletzt eine absolute Mehrheit beschert habe, beispielsweise. Oder dass er es wie kein anderer geschafft habe, die Interessen eines Bundeslandes zu verteidigen. Vor allem aber, dass er ständig unterwegs gewesen sei und ein offenes Ohr für die kleinen Leute gehabt habe. Ja nicht nur das, wenn jemand mit einem Problem zu ihm gekommen sei, habe er dafür gesorgt, dass es gelöst wird. Das ist doch toll, oder?

Ein solcher Erfolgsausweis ist für einen Politiker zweischneidig: Grundsätzlich ist es hervorragend, wenn er größtmögliche Bürgernähe walten lässt. Wenn er das Land insgesamt aber nicht wirklich weiterbringt, haben nur Glückspilze etwas davon. Anders ausgedrückt: Die Gesamtbilanz der Ära Pröll ist ernüchternd. Die Arbeitslosigkeit in Niederösterreich ist mit mehr als zehn Prozent im Bundesländervergleich überdurchschnittlich; die Pro-Kopf-Verschuldung von Land und Gemeinden mit 4412 Euro am zweithöchsten nach Kärnten, die Wirtschaftsleistung pro Einwohner am zweitniedrigsten vor dem Burgenland.

Über all das blicken viele Parteifreunde, aber auch Kommentatoren, hinweg. Was bleibt, ist der Landeskaiser in einem positiv gemeinten Sinn: Eine Persönlichkeit, die mit der sonstigen Politik erst gar nicht in Verbindung gebracht wird, die vielmehr entschieden, aber wohlwollend auftritt und immer erreichbar ist; die summa summarum also wirkt, als könne sie alles richten.

Diese Sehnsucht erfüllt nicht nur Erwin Pröll mit Bravour. Auch die meisten Bundespräsidenten haben das bisher geschafft. Sie, die allenfalls theoretisch an der Spitze der Republik stehen, praktisch aber machtlos sind, verfügen über die mit Abstand höchsten Beliebtheitswerte. Selbst der so zurückhaltende Alexander Van der Bellen, der am kommenden Donnerstag angelobt wird, könnte das noch zusammenbringen.

Die Lehre daraus? Politik ist sowohl Bürgernähe als auch Sorge für eine erfolgreiche Entwicklung des Ganzen. Das gehört denn auch in all den Bewertungen berücksichtigt: Wirklich gut ist nur der Amtsträger, der sowohl das eine als auch das andere unter Beweis stellt.

Diese Sehnsucht erfüllt Erwin Pröll mit Bravour. Auch die meisten Bundespräsidenten haben das bisher geschafft.

johannes.huber@vn.at
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