Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Abhängigkeit

Vorarlberg / 31.01.2017 • 20:42 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ein Lehrer, der nur gewollt hatte, dass seine Schüler Interesse an Bildung zeigen, kapitulierte. Seine Freundlichkeit war verschwunden. Schon bevor er die Schule betrat, wusste er, dass es das letzte Mal sein würde. Seit Wochen bereits hatte er seinen Abgang geplant. Er sieht Mädchen, siebzehn sind sie, manche älter, junge Frauen, die denken, alles werde ihnen geschenkt, weil sie jung sind.

Der Lehrer unterrichtet Deutsch und Geschichte. Er weiß, was für Aufsätze sie schreiben, welche Fehler sie machen werden. Er sieht die Mädchen mit ihren Handys spielen. Während des Unterrichts. Während der Schularbeit. In der Pause, in der Freizeit, wahrscheinlich halten sie es im Schlaf an ihren Körper gedrückt. Die Tatsache, dass keine Einzige dabei ist, die das Handy nicht griffbereit hält, macht ihn aggressiv. Wiederholt ist es ihnen während des Unterrichts verboten worden.

Eine Viertelstunde ist vergangen. Das Aufsatzthema heißt: „Abhängigkeit“. Die Mädchen halten die Köpfe gesenkt, das Handy liegt auf ihren Knien. Der Lehrer reißt die Fenster auf:

„Schluss!“, sagt er. „Jede von euch kommt nach vorne und legt ihr Handy auf meinen Tisch. Ich zähle. Dann setzt ihr euch wieder auf den Platz, und wir beginnen von vorn. Wir schreiben, bis die Pause vorbei ist.“

Die Mädchen legen die Handys auf seinen Tisch, eine protestiert, erst leise, dann laut, sie weigert sich. Er muss zu ihr hingehen und ihr das Handy entreißen. Sie wehrt sich. Das alles hat er geahnt. Er zerrt an ihr, sie gibt ihm eine Ohrfeige. Gleich ist sie darüber erschrocken und hält sich die Hände vor das Gesicht. Die anderen tuscheln.

„Wir beginnen“, sagt er, als sei nichts geschehen. Seine Wange ist gerötet.

Die Handys liegen jetzt alle auf dem Tisch, die Mädchen schreiben, und der Lehrer weiß, nach der Pause muss er sie ihnen wieder zurückgeben. Er sieht zu, wie sie gebeugt über ihren Heften sitzen, Haare wie Vorhänge, die ihre Arbeiten verbergen. Er malt sich aus, welche welches Thema wählt. Um Drogen, Alkohol wird es gehen, bei der aggressiven Schülerin um sexuelle Abhängigkeit, sie denkt, sie könne den Lehrer damit verunsichern. Er sieht sein Spiegelbild in der offenen Fensterscheibe, versäumter Mann mit versäumtem Leben, denkt er.

Er beginnt damit, jedes einzelne Handy aus dem Fenster zu werfen. Erst bedächtig, dann heftig. Man hört den Aufprall.

Die Mädchen blicken auf und starren ihn an. Keine rührt sich. Dem Lehrer ist es gleichgültig, was folgen wird. Er wird seinen Dienst quittieren, wird mit diesen Mädchen nie mehr etwas zu tun haben.

Er sieht voraus, was kommen wird. Der Direktor wird vor ihm stehen und ihm gut zureden. Ruhig wird der Lehrer alles über sich ergehen lassen, innig hoffen, dass alle Handys zertrümmert sind. Seine Frau wird erscheinen, wird von Überforderung sprechen, von ignoranten Schülern und immenser Anspannung. Nie mehr wird der Lehrer das Schulgebäude betreten.

Er sieht die Mädchen mit ihren Handys spielen. Während des Unterrichts. Während der Schularbeit.

monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.