„Einfach beim Nichtssagen zuhören“

Vorarlberg / 03.02.2017 • 19:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wenn Kinder Zeugen der Ermordung ihrer Mutter werden, sind Psychologen gefordert.

Mäder, Schwarzach. (VN-hk) Vier Kinder im Alter zwischen 23 und zehn Jahren mussten vor knapp einer Woche miterleben, wie der Vater ihre Mutter mit mehreren Messerstichen tötete. Ein schreckliches Erlebnis, das die Kinder und Jugendlichen niemals mehr vergessen werden können. Wie können Betroffene ein solches Ereignis überhaupt irgendwie bewältigen?

Flexibel reagieren

„Grundsätzlich ist es möglich, dass die Kinder das Erlebte so bewältigen können, dass es sie nicht ein Leben lang negativ beeinflusst“, sagt Kinder- und Jugendpsychologin Jacqueline Hollenstein (35). Unmittelbar nach einer solchen Bluttat sei das Kriseninterventionsteam gefordert. „Sie müssen am Tatort flexibel reagieren können. Es gibt Kinder, die reden drauflos, andere sitzen traumatisiert nur da. Da muss man dann einfach danebensitzen und beim Nichtssagen zuhören“, erklärt die Expertin. Es empfehle sich auch nicht unbedingt, die Kinder vom Tatort mit aller Gewalt fernzuhalten. „Wenn das Kind zur toten Mama will, dann soll man es lassen.“

Oft würden die älteren Geschwister die Betreuung der jüngeren übernehmen. „Wenn jemand 23 ist, wie dies in Mäder der Fall war, dann kann dieser junge Mensch natürlich voll erfassen, was passiert ist. Daraus erwächst dann eine Verantwortungshaltung für die kleinen Geschwister. Klar kann es auch sein, dass die Älteren ebenso wegbrechen und nicht in der Lage sind, in dieser Situation irgendetwas zu tun“, zeigt Hollenstein die möglichen Verhaltensweisen auf.

„Für kleine Kinder ist der Tod in seiner Bedeutung noch gar nicht fassbar. Sie können heute um ihre Mama oder den Papa trauern und am nächsten Tag fragen, wann sie wiederkommen. In dieser Situation ist das engste familiäre Umfeld immens wichtig.“ Was in Anbetracht der tragischen Umstände bei Kindern positiv sei: „Sie haben längere trauerfreie Phasen. Sie finden leichter die Balance zwischen Traurigkeit und Normalität. Den Tod und seine Endgültigkeit verstehen können Kinder und Jugendliche erst ab ungefähr zwölf Jahren.“

Der Vater

Im Zusammenhang mit der Bluttat von Mäder ist laut Hollenstein eine der größten Herausforderungen für die Kinder, wie sie mit dem Vater, dem Mörder ihrer Mutter, umgehen sollen. „Kleinere Kinder neigen eher dazu, die Verbindung mit dem Vater aufrechtzuerhalten, weil sie nach der Mutter nicht auch noch den Vater verlieren wollen. Sollten sie den Wunsch verspüren, diesen im Gefängnis zu besuchen, sollte man sich dem nicht entgegenstellen.“ Vielfach sei es aber auch so, dass vor allem ältere Kinder mit dem Mörder ihrer Mutter nichts mehr zu tun haben wollen. Das sei natürlich auch zu respektieren.

Für kleine Kinder ist der Tod noch nicht wirklich fassbar.

Jacqueline Hollenstein

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