“Man weiß nie, wohin das Leben einen führt”

Vorarlberg / 13.02.2017 • 19:23 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Man weiß nie, wohin das Leben einen führt"

Wolfgang Hermann verlor vor 18 Jahren sein einziges Kind. Jetzt wurde er wieder Vater.

Dornbirn. (VN) Vor wenigen Tagen jährte sich Florians Todestag zum 18. Mal. Sein Vater Wolfgang Hermann (55) versteht heute noch nicht, warum Florian nicht mehr leben darf. „Da ist noch immer dieser Unglaube.“ Nur wenige Monate nachdem er bei seinem Vater eingezogen war, starb der 17-Jährige. „Ich war so glücklich, dass mein Sohn endlich bei mir war. Die Sehnsucht, bei ihm zu sein, war riesengroß. Und dann passierte das.“ Sein einziges Kind lag am Morgen tot im Bett, gestorben an einer unentdeckten Herzmuskelentzündung. Über Nacht war die Katastrophe über den Schriftsteller hereingebrochen. Der Tod hatte ihm sein Allerliebstes genommen.

„Ich wurde ausgelöscht“

Das tragische Ereignis traumatisierte den damals 37-Jährigen. Er erkrankte an einer posttraumatischen Belastungsstörung. „Ich bekam beim Autofahren und beim Überqueren einer Straße Panikattacken und hatte auf einmal Flugangst.“

Der verwaiste Vater fiel in ein tiefes Loch und verlor sich selbst. „Das Ich-Gefühl verschwand. Ich wurde ausgelöscht.“ Es war ihm, als ob er unter die Räder einer übermächtigen Macht gekommen wäre. „Die Seele zog sich zurück an einen fernen Ort, um sich zu schützen, und man selber bleibt als leere Hülle zurück.“ Das Gefühl, nicht mehr da zu sein, hielt lange an, mindestens zehn Jahre. „Dann hat sich die Seele neu zusammengesetzt.“ Es war nicht das erste Mal, dass er sich ins Leben zurückkämpfen musste. Mit 11 wurde Hermann von einem Auto angefahren und schwer verletzt. Zwei Monate lag er mit einem Streckverband im Krankenhaus, ein Jahr konnte er nur auf Krücken gehen. „Aber im Vergleich zu Florians Tod war das nichts“, bemerkt der 55-Jährige. Diesem Unfall schreibt es der Dornbirner zu, dass er später Schriftsteller wurde. „Im Spital und in der Zeit danach habe ich viel gelesen. Mit 12 habe ich angefangen, Kurzgeschichten zu schreiben. So versuchte ich mich wieder an die Welt zu koppeln.“

Auch nach Florians Tod war es das Schreiben, das ihn wieder mit der Welt verband und überleben ließ. „Auf diese Weise versuchte ich mich ans Licht zu kämpfen.“ Aber in den schwersten Jahren wollte selbst das Schreiben nicht gelingen. Erst die „Begegnung“ mit Herrn Faustini löste die Schreibhemmung. „Plötzlich sah ich Herrn Faustini vor mir. Diese tollpatschige Außenseiterfigur gab mir Lebenskraft. Die Entdeckung des Komischen hat mich gerettet. Damit habe ich mich aus dem Sumpf gezogen. Ich sah, ich konnte wieder arbeiten.“ Jahre später fand Hermann mit dem Buch „Abschied ohne Ende“ auch einen Weg, den Schmerz um seinen jung verstorbenen Sohn zum Ausdruck zu bringen.

„Felix ist ein Sonnenschein“

Der Verlust hat ihn als Mensch verändert. „Man ist nicht mehr derselbe nach so einem Ereignis. Ich bin nachsichtiger geworden und sensibler gegenüber dem Leid anderer Menschen.“ Heute ist er um jeden Tag dankbar, an dem nichts passiert. „Aber es gibt nicht nur das Leid im Leben“, hat Hermann, der hart geprüft wurde, aber deswegen kein unglücklicher Mensch ist, auch die hellen Seiten des Lebens nicht aus den Augen verloren. Derzeit zeigt sich ihm das Leben von seiner schönsten Seite. „Ich bin vor fünf Monaten wieder Vater geworden. Felix ist ein Sonnenschein“, freut er sich. Der Literat hätte nie gedacht, dass er nochmals Vater würde. „Das Leben ist ein großes Geheimnis. Man weiß nie, wohin es einen führt.“ Hermann genießt das Vatersein in vollen Zügen. „Es macht mich glücklich nach dieser schweren Zeit.“

Das Vatersein macht mich glücklich nach dieser schweren Zeit.

Wolfgang Hermann
Der Vorarlberger Schriftsteller Wolfgang Hermann mit seinem damals zwölfjährigen Sohn Florian.  Foto: Stefan Grdics
Der Vorarlberger Schriftsteller Wolfgang Hermann mit seinem damals zwölfjährigen Sohn Florian. Foto: Stefan Grdics

Bücher von Wolfgang Hermann zum Thema: „Abschied ohne Ende“ (München 2012); „Herr Faustini bleibt zuhause“ (München 2016)

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