Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Keine Einladung

Vorarlberg / 21.02.2017 • 18:56 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Ich kapiere nicht“, sagte die Frau zu ihrem Mann, der gerade seine Krawatte ablegte, „warum wir diesmal nicht eingeladen worden sind. Wir stehen doch auf der Liste. Ich meine, wir sind doch immer auf der Liste gestanden. Kannst du dir das erklären? Das verunsichert mich. Kann es sein, dass etwas vorgefallen ist, von dem du mir nichts gesagt hast? Kann es sein, dass du in Ungnade gefallen bist?“

„Dann sind wir eben nicht eingeladen“, sagte der Mann ärgerlich. „Ungnade! Leben wir im Feudalismus? Du tust so, als hänge unser Leben davon ab. Mir ist das vollkommen egal, wenn ich nicht dabei bin. Wir waren jedes Mal zwei von den vielen.“

„Aber mir“, sagte die Frau mit zornigem Unterton, „mir tut das weh, verstehst du! Von den wenigen Einladungen, die wir bekommen, war das meine liebste.“

„Dann geh doch allein hin“, sagte der Mann, „ruf an und sage, dass ich krank bin, ob es recht ist, wenn du allein erscheinst. So können sie nicht Nein sagen.“

„Ich bitte Dich!“ Jetzt schrie die Frau. „Das ist so durchsichtig! Ich werde mich nicht aufdrängen!“

„Du wirst dich nicht aufdrängen, aber du würdest nichts lieber tun, als dich aufzudrängen, nur um dabei zu sein, nur um dein neues Rotes anzuziehen mit formender Unterwäsche darunter.“

„Wie gemein du bist! In solchen Situationen kommt dein wahrer Charakter zum Vorschein!“

„Und deiner!“

Die folgende Woche streikte die Frau, sie kochte nicht, schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer, sie kaufte nichts ein.

Der Mann ging nach Dienstschluss in ein Restaurant, aß, was ihm schmeckte, und machte sich dann auf den Heimweg. Er setzte sich vor den Fernseher, schaute seinen Sport. Begegnete ihm die Frau im Flur, schaute er ihr provokant in die Augen. Sie drehte den Kopf weg.

Es kam der Tag, an dem das Fest stattfinden sollte. Die Frau war beim Frisör, frisch gefärbt waren die Haare, neuer Schnitt. Sie sah fesch aus.

Der Mann kehrte aus seinem Restaurant zurück und fand seine Frau auf dem Sofa, halb liegend. Sie hatte Champagner geöffnet, trug ihr rotes Kleid und war angeheitert. Der Mann setzte sich zu ihr und streichelte ihren Hinterkopf.

„Du ruinierst meine Frisur“, sagte sie und war ganz ruhig dabei.

Sie tranken und lachten, und als sie nicht mehr wussten, worüber sie lachten, ließen sie sich ins Bett fallen und versuchten es mit Liebe.

Am nächsten Morgen saßen sie friedlich beim Frühstück, die Frau schmierte reichlich Butter auf die Semmel und glasierte mit Honig. Der Mann fragte, was er zum Abendessen erwarten dürfe.

Sie sagte: „Alles, was dein Herz begehrt.“

Das war dann Sauerkraut mit Tirolerknödeln.

Begegnete ihm die Frau im Flur, schaute er ihr provokant in die Augen.

monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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