Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Virus

Vorarlberg / 22.02.2017 • 18:07 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Werden die Zeiten wieder dunkler und die Menschen zorniger? Als wäre die Welt aus den Fugen, sagt Frau Ammann. Klotzertöne quer über den Globus. Dumpfbacken, die „führen“ wollen, suchen alle Kontinente heim. Wie ein Virus, der immer wieder sein Publikum findet. Eine Entwicklung, die offenbar zyklisch verläuft, wobei die Aggressionskurve proportional mit der zeitlichen Entfernung zum letzten Krieg anzusteigen scheint. 70 Jahre Frieden kulminieren offenbar in einer kritischen Gemengelage. Die Kriegslust der Menschheit zeigt in den letzten Jahren markante Ausschläge.

Die 66 Millionen Toten der ersten beiden Weltkriege, die beide von Österreichern initiiert worden sind, haben die Folge-Generationen für Jahrzehnte zur Räson gebracht und in die Europäische Union, das größte Friedensprojekt der Geschichte, geführt. Wie brüchig aber die Pfeiler dieser diplomatischen Großtat sind, zeigt der Aufstieg einer Populistengarde, die schon wieder auf Nationalismus und Protektionismus setzt.

Menschen sind Modelllerner, und wenn die Modelle Trump, Putin, Erdogan, Le Pen, Orban, Duterte usw. heißen, ist die Wirkung absehbar. Sie sind allesamt Blender, die auf wirkliche Demokratie pfeifen und die Uhr mit Gewalt zurückdrehen wollen. Dabei setzen sie auf brachiale Lösungen und eine zornige Klientel. In den USA häufen sich bereits gewalttätige Übergriffe, der „Führer“ und sein Ton suggerieren diese Wirkung. Hitler und Mussolini wurden anfangs auch nicht wirklich ernst genommen und als die Schwarzhemden und SA-Horden durch die Straßen prügelten, war es zu spät. Amerika ist gespalten wie zu Bürgerkriegszeiten und Europa sollte sich schleunigst gegen den Schwachsinn formieren, den ein verhaltensgestörter Chaot und seine Vasallen verbreiten.

Frau Ammann rief mir Günther Anders in Erinnerung, einen österreichischen Philosophen, der sich ein Leben lang am Thema der „Zerstörung der Humanität“ gerieben hatte, einem Phänomen, das als ewige Option knapp unter der Haut der Zivilisation lauert und sich stets im Aggressionspegel der Sprache ankündigt. Wie heute.

Sobald der Sanktus von oben gewiss ist, nutzen Fanatiker die „Chance der unbestraften Unmenschlichkeit“, sagt Anders. Wehe, wenn sie losgelassen. Wir sollten alle wachsam sein, unsere Geschichte kennt ihn sehr genau, den Virus.

Sobald der Sanktus von oben gewiss ist, nutzen Fanatiker die ,Chance der unbestraften Unmenschlichkeit‘.

reinhold.bilgeri@vn.at
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher,
er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.