Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Nach dem Frühstück

Vorarlberg / 28.02.2017 • 19:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Nach dem Frühstück, aus dem Nichts, sagte die Frau zu ihrem Mann, sie werde jetzt gehen und nicht wiederkommen.

„Wie“, fragte er „nicht wiederkommen?“

„Du hast richtig gehört“, sagte sie, ging zur Garderobe und schlüpfte in ihren karierten Mantel. Den Mantel hatte er immer gehasst, er sah so spießig aus. Zwei Koffer lehnten an der Wand, der Geflochtene gehörte ihm, kurz überlegte er, ob er sie darauf ansprechen sollte.

„Gleich kommt das Taxi“, sagte sie. „Versuch nicht, mich anzurufen. Ich lasse mein Handy da, du kannst es entsorgen.“

Als sie gegangen war, nahm er die Notfalltropfen und goss aus dem Fläschchen in ein Glas, bis es leer war. Er spülte mit Whiskey nach. Nüchtern würde er das alles nicht überstehen. Er fand im Kühlschrank ein hart gekochtes Ei, das verschlang er und versuchte tief durchzuatmen.

Wäre es nicht an ihm gewesen zu gehen? Wenn schon einer gehen muss, dann wohl ich, dachte er sich.

Er saß auf dem Sofa, seine Armbanduhr war stehengeblieben. Durch die geschlossene Jalousie sah er, dass es draußen hell war, so als scheine die Sonne.

Hätte er sein Wesen ändern müssen, er ein 60-jähriger Mann? Wenn schon nicht inwendig, dann auswendig, sich einen Schnurrbart wachsen lassen, oder so einen Bart, wie ihn jetzt jeder Zweite hatte? Es würde nicht lange dauern, und sein Gesicht wäre halb zugewachsen.

Sicher war sie zu ihrer Schwester gefahren, immer schon war es die Schwester gewesen, die sich ihrer angenommen hatte. Kurz schoss ihm in den Kopf, ob sie einen anderen Mann kennengelernt hatte. Im Park vielleicht. Nichts lieber tat sie ja, als im Park zu flanieren, wenn alles blank geputzt war und in der Wohnung die Armaturen glänzten.

Sie war nicht mehr jung, aber nicht ganz verwelkt. Sie liebte Vögel. Er dachte sich in einen Mann hinein, der sie zum ersten Mal sah. Was würde er sich denken? Hätte er denn Lust, eine Frau wie sie anzusprechen, sie auf einen Kaffee einzuladen? Er wischte den Gedanken weg, nahm sich vor, Urlaub zu nehmen und einfach nur zu schlafen, bis er sich an ihre Abwesenheit gewöhnt hatte.

Im Grunde, dachte er sich, kann ich froh sein, dass sie weg ist, ich konnte ihr nichts recht machen, immer hat sie hinter mir her gewischt. Würde er sich ans Alleinsein gewöhnen?

Warum nicht. Auf keinen Fall würde er sie suchen. Er warf ihr Handy in den Abfall und öffnete das Fenster, öffnete die Jalousie. Zwei Mädchen im Hof drehten sich im Hula-Hoop-Reifen. Er würde sich abgewöhnen, seine Tabletten mit Alkohol einzunehmen. Er rückte einen Stuhl an den Schrank, stieg hinauf und holte seine Gitarre. Jederzeit könnte er spielen, Songs, die sie hasste, jederzeit, laut, und dazu singen und durchs Wohnzimmer steppen, eine Putzfrau suchen, womöglich eine hübsche, und mit ihr ein Verhältnis anfangen. Das war eine gute Vorstellung.

Den Mantel hatte er immer gehasst, er sah so spießig aus.

monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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