Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Schweigen

Vorarlberg / 15.03.2017 • 18:49 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, heißt das wohl bekannteste Sprichwort zum Thema des Nichtredens. In den unzähligen Zitaten, die sich mit dem Schweigen befassen, spiegelt sich die oft widersprüchliche Beurteilung dieses menschlichen Verhaltens wider. Kein Wort zu sagen, ist, so paradox es klingt, eine der häufigsten Kommunikationsformen, wird aber als zwischenmenschliches Problem gern verschwiegen.

Schweigen gilt einerseits als klug, tugendhaft, andächtig und respektvoll, als bedeutungsschwanger und kreativ. Wir bringen Schweigen mit Wissen, Weisheit oder Tiefgang in Verbindung und kennen Schweigegebote, Schweigegelübde und Schweigeorden. Ausgerechnet der für sein loses Mundwerk bekannte Dichter Heinrich Heine hielt Schweigen für die wesentliche Bedingung des Glücks; der jesuitische Philosoph Baltasar Gracian bezeichnete es gar als „Heiligtum der Klugheit“.

Andererseits wird Schweigen als eine der destruktivsten Kräfte bezeichnet. Es steht für Arroganz, Verachtung, Ablehnung und Hass, für Unwissenheit, Geheimhaltung, Trauer, Furcht und Angst. Skandale werden verschwiegen und viele Ungerechtigkeiten totgeschwiegen. In Mafia-Filmen begegnen wir einer Mauer des Schweigens und über manche Probleme breitete sich eisiges Schweigen. In der Psychotherapie gilt verdrängendes Schweigen als Krankmacher Nummer eins.

Dementsprechend sind die gewollten oder nicht erwünschten Wirkungen des Schweigens vielfältig. Schweigen kann Zustimmung oder Ablehnung ebenso bedeuten wie Isolation und Verbindung. Es kann verletzen und heilen, Konflikte heraufbeschwören oder lösen, Defizite aufzeigen oder verdrängen. Schweigen ist Kränken und Gekränktsein in einem. Mit dem andern nicht zu reden, soll signalisieren, dass er kein Wort wert ist, man mit ihm nichts zu tun haben will und er gar nicht mehr existiert. Gleichzeitig demonstriert man mit Schweigen, wie sehr man selbst getroffen und beleidigt ist. Schweigen ist oft beredter als Sprechen; nichts zu sagen kann mehr ausdrücken als ein Wortschwall. Im Schweigen versteigt man sich oft in negative Fantasien und bildet sich falsche Vorstellungen.

In einer Zeit, in der sich die nonverbale Kommunikation rasant verbreitet, in zahlreichen Beziehungen trostloses Schweigen herrscht und Konfliktparteien nicht miteinander reden, kommt dem Umgang mit dem Schweigen besondere Bedeutung zu. In psychologischer Hinsicht müsste das eingangs zitierte Sprichwort wohl umgekehrt werden: „Reden ist Gold, Schweigen oft nicht einmal Silber.“

Kein Wort zu sagen, ist, so paradox es klingt, eine der häufigsten Kommunikationsformen.

reinhard.haller@vn.at
Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.