Überraschend und unerwartet

17.03.2017 • 15:59 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
FotoLia

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Begegnungen, das wissen wir, können unser Leben verändern – im Positiven wie im Negativen. Begegnungen können enttäuschen und bedrücken, lähmen und ersticken. Eine Begegnung kann aber auch das Leben fördern, befreien, beglücken, einen neuen Anfang schenken.

Gespräch am Jakobsbrunnen

Jesus macht sich bei der Begegnung mit der Samariterin am Jakobsbrunnen (Joh 4,5-42) mehrfach verdächtig. Er spricht mit einer Frau, nur zu zweit. Allein das war damals ungehörig. Sie ist zudem Angehörige einer fremden religiösen Gruppe und wird zu allem Überfluss auch noch als öffentliche Sünderin gesehen. Jesus, der Jude, handelt anders, als von ihm erwartet und durchbricht die Spielregeln eines damals selbstgefälligen Religionsbetriebs. Er spricht mit der Frau, voll Empathie – wie man das heute nennen würde – aber zugleich aufrichtig, ohne falsche Freundlichkeit, gütig und streng zugleich.

Die Begegnung findet um die sechste Stunde statt, das ist um 12 Uhr in der größten Mittagshitze. Niemand geht normalerweise Wasser schöpfen, wenn die Sonne am höchsten steht. Was bewegt die Frau, gerade um diese Zeit zu kommen? Wir können nur vermuten, dass sie sich als Außenseiterin fühlte und niemandem begegnen wollte. Man kann spekulieren, dass die Frau Angst vor dem Gerede der Leute hatte, der Brunnen war ja auch der Tratsch-Platz Nummer eins, und sie mit ihren Männergeschichten …

Brunnen

Der Maler Sieger Köder hat ein Bild zu dieser Geschichte gemalt. Es zeigt einen tiefen Brunnen: Oben am Brunnenrand die samaritische Frau, die von oben auf die Wasserfläche nach unten schaut, in der sich zwei Gestalten spiegeln. In die „Tiefe“ zu schauen, sich zu stellen, kann ein schwerer Weg sein und es ist gut, wenn jemand dabei steht. Das Bild zeigt etwas, was sich in dieser Frau abgespielt haben mag. Den schmerzenden Wunden, die das Leben geschlagen hat, ins Gesicht zu sehen, diesen Blick auszuhalten, macht Angst und ist unangenehm. Aber wahr sein lassen, was wahr ist, das ist erlösend. In der „Tiefe“ kann frisches, Leben spendendes Wasser gefunden werden.

Dialog

Jesus macht Rast an diesem Brunnen. Er ist müde von der Wanderung. Er hat Durst. Jesus spricht die Frau an, er bittet: Ich hätte gerne einen Schluck Wasser. Kannst du mir etwas davon schöpfen, mit deinem Eimer? Wieder ein Tabubruch. Die Reaktion der Frau zeigt es: Diese Bitte war mindestens genauso ungewöhnlich wie Zeitpunkt und Ort ihres Zusammentreffens. Sie ist überrascht: Wie bitte? Ich bin eine Samariterin, und du bist ein Jude. Warum bittest du mich um Wasser? Sie antwortet auf die Bitte Jesu selbstbewusst und markiert gleichzeitig die Grenzen, die ihnen beiden aufgrund der gesellschaftlichen, sozialen und religiösen Konventionen auferlegt sind.

Der Rabbi und diese Frau, ganz nah an den elementaren Dingen des Lebens. Wasser als Symbol für alles, was wir benötigen, damit unsere Seele nicht vertrocknet und unser Herz nicht hart wird und unbeweglich. Ich habe den Eindruck, dass es uns heutigen Menschen schwerfällt, dieses Bild des lebendigen Wassers in unser Leben zu übertragen. Vielleicht, weil wir uns überhaupt schwer tun mit einem lebendigen Leben, und Leben missverstehen als reibungsloses Funktionieren biologischer und materieller Abläufe. Krisen; gesundheitliche Störungen und andere Beeinträchtigungen will man nicht als Teil des Lebens verstehen, sondern man versucht sie auszugrenzen, weil sie als störend oder peinlich empfunden werden.

Überraschend und unerwartet

Manchmal versteht man die entscheidenden Augenblicke des Lebens gar nicht, wenn sie stattfinden. Das Gespräch zwischen Jesus und der Frau ist doppeldeutig. Die Frau redet von realem Wasser. Doch Jesus spricht längst über etwas ganz anderes. Er nimmt den äußeren Anlass auf und spricht über den Durst nach einem Leben, das glückt, frisch ist und dauerhaft. Jesus bringt die Frau in Berührung mit ihrer Sehnsucht.

Und dann kommt in diesem Gespräch ein Höhepunkt. Jesus verspricht: Bei mir gibt es frisches Quellwasser, das für immer sprudelt und niemals ausgeht! Bestes Wasser ohne Ende. Die Frau ergreift die Gelegenheit beim Schopf und sagt: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr bekomme und nicht mehr hierher zu kommen brauche, um zu schöpfen.“ Du kannst es haben, sagt Jesus. Aber es wird dein Leben verändern. Es wird Konsequenzen für dein Leben haben. Die Frau beginnt zu ahnen, dass Jesus selbst diese Quelle ist. Dann entwickelt sich ein ernsthaftes Gespräch zwischen Jesus und der Frau über die rechte Art, Gott anzubeten. Dabei ist sie nicht einfach die stille und andächtige Zuhörerin, die an den Lippen des Meisters hängt. Sie stellt kluge Fragen, sie argumentiert und sie bekennt, dass auch sie, die „unreine“ Samariterin, das Kommen des Messias erwartet.

„Gib mir zu trinken!“

Jesus überspringt mit dieser Bitte alle Konventionen seiner Zeit und tut, was dem Leben dient. Wo die Quelle des Lebens sprudelt, da hören die Trennungen auf. Da beginnt gemeinsames Leben, ein wechselseitiges Geben und Nehmen, das sich aus dieser Quelle nährt.

„Gib mir zu trinken!“ – So unscheinbar kann eine Begegnung beginnen und ins erfüllende Leben führen.

Dr. Karoline Artner, Werk der Frohbotschaft Batschuns.
Dr. Karoline Artner, Werk der Frohbotschaft Batschuns.