Hanno Loewy

Kommentar

Hanno Loewy

Nichts als Verlierer?

Vorarlberg / 19.03.2017 • 18:34 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Es gibt Konflikte, in denen es nur Verlierer gibt. In der Türkei soll in einem Referendum demokratisch darüber abgestimmt werden, ob die Türkei eine Demokratie bleibt oder ein autoritärer Staat wird. Mit ähnlichen Tendenzen beglücken uns schon die Ungarn und die Polen.

Und da die Mehrheit für diesen „demokratischen“ Putsch von oben in der Türkei selbst offenbar zu wackeln droht, werden die „Auslandstürken“ als mögliche Mehrheitsbeschaffer entdeckt für den zornigen Mann am Bosporus, der sich nun als einziger Verteidiger des „wahren Türkentums“ inszenieren kann. Warum hat er damit so viel Erfolg? Warum nützt ihm jedes Redeverbot und jedes diplomatische Scharmützel nur dabei? Warum bleibt den Europäern kaum etwas anderes übrig, als in diesem Spiel der gegenseitigen Eskalation mitzuspielen?

 

Rächt es sich nun, dass man mit der Türkei jahrelang Katz und Maus gespielt hat? Statt klar zu kommunizieren, welche demokratischen und menschenrechtlichen Standards der EU nicht verhandelbar sind, haben sich manche Politiker darin gefallen, der Türkei die falsche „Kultur“ vorzuwerfen, und damit eine diffuse Emotion gegenseitiger Kränkungen bedient: am eigenen Stammtisch, aber auch in der Türkei. Vor allem aber unter jenen Menschen, die nun zwischen den Stühlen sitzen, und denen man das jetzt vorhält, und die man damit Erdogan und seiner Gefolgschaft erst recht in die Arme treibt. Statt darüber nachzudenken, wie Einwanderer hierzulande emotional ankommen und sich mit Österreich oder der EU identifizieren können, propagiert man „Integration durch Leistung“, als ob man sich mit beruflichem Erfolg dafür rechtfertigen müsse, hier zu sein. Statt anzuerkennen, dass viele, die zu uns kommen, ihre alten Bindungen und Loyalitäten in der Heimat nicht aus Jux und Tollerei pflegen, sondern weil das menschlich ist, wirft man ihnen Verrat vor. Während man Erdogans Getreuen vorwirft, türkische Politik in die EU zu tragen, gilt das gleiche Argument für Kurden seltsamerweise nicht.

 

Die Karre steckt im Dreck. Wir müssen uns entscheiden, ob wir sie gemeinsam rausziehen oder uns darüber streiten, wer sie hineingeschoben hat. Die türkischen Einwanderer können sich nun entscheiden, ob sie die Vorteile der Demokratie nur hier – und mehr oder weniger passiv – in Anspruch nehmen wollen oder selbst Verantwortung dafür übernehmen, dass ihr Herkunftsland eine Demokratie bleibt. Vielleicht kann man dann in Zukunft mit den zwei Stühlen entspannter umgehen und auch in Österreich anerkennen, dass es in einer gemütlichen Wohnung manchmal mehr als einen Sessel braucht.

Warum bleibt den Europäern kaum etwas anderes übrig, als in diesem Spiel der gegenseitigen Eskalation mitzuspielen?

hanno.loewy@vn.at
Hanno Loewy ist Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems.