Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Betrug

Vorarlberg / 21.03.2017 • 18:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ein Mann von Vermögen war auf Genesungsurlaub in einem Sanatorium in den Schweizer Bergen. Er fühlte sich bereits gesund und lag bei schönem Wetter auf seiner Veranda. Die anderen Gäste langweilten ihn, und er hoffte jeden Tag auf eine interessante Neuerscheinung. So sagte er dazu, als handle es sich um ein Ding zum Vergnügen. An einem Vormittag beobachtete er, wie eine Frau mit einem kleinen Buben an der Hand aus dem Taxi stieg. Zwei Koffer wurden ihr nachgetragen. Er sah kurz auf ihren glänzenden Scheitel und stellte sich ihr Gesicht vor. Er fragte an der Rezeption, wer die Dame sei und woher sie komme. Der Portier gab ihm Auskunft, der Mann würde ihm großzügig Trinkgeld geben.

Also die Frau kam aus Wien, ihr kränklicher Sohn sollte sich in den Bergen erholen. Ihr Frühstück habe sie auf zehn Uhr bestellt.

Um diese Zeit fand sich der Mann ein und nahm an einem benachbarten Tisch Platz. Er schätzte die Frau auf Mitte dreißig, sie wirkte gelangweilt. Fragte sie der Sohn etwas, gab sie ungeduldig Antwort. Dem Mann gefiel sie vom Aussehen, sie war zwar ein wenig üppig und würde im Alter dick werden, aber noch konnte sie punkten.

Nach dem Frühstück stand ihr Sohn in der Hotelhalle, der Mann nahm sich vor, sich mit ihm ein wenig anzufreunden. Er erzählte von Elefanten in Afrika und fragte den Buben, ob er Tiere gern habe. Der Bub schwärmte von einem Hund, den er sich wünschte, aber die Mutter wolle keine Tiere im Haus. „Ich werde mit ihr reden“, sagte der Mann, „ ich könnte dir nämlich einen Hund schenken.“ Bei diesem Gespräch würde er der Dame näherkommen, und es könnte sich etwas ergeben. Was sich ergab, war, dass der Bub nichts lieber tat als dem Mann zuzuhören. Zu dritt spazierten sie in den Wald, und der Bub hielt die Hand des Mannes und war eifersüchtig auf seine Mutter. Ihm fiel nicht auf, dass er verwendet wurde. Am Abend schickte ihn die Mutter früh ins Bett, und sie blieb im Aufenthaltsraum und wartete. Der Mann zog alle Register, um der Frau zu imponieren, was ihm gelang. Fragte der Bub, wann er denn seinen Hund bekäme, vertröstete ihn sein großer Freund auf den Tag der Abreise.

Die Mutter änderte ihr Verhalten, sie flirtete jetzt ganz offen mit dem Mann, und der Bub kam sich übrig vor.

„Was für eine Farbe hat es denn, das Hündchen?“, fragte er seinen großen Freund. „Gleich werde ich ihm Kunststücke beibringen.“

An einem Wochentag reiste eine neue Dame an, ganz allein, der Portier erzählte dem Mann, was er über sie wusste. Sie war ein heller Typ und auch jünger als die Dame. Da verlegte der Mann sein Interesse auf diese Neuerscheinung und ging der Dame aus dem Weg. Ihr Sohn wurde fiebrig und bekam eine Lungenentzündung. Die beiden wurden mit der Sanität abgeholt.

Bei diesem Gespräch würde er der Dame näherkommen, und es könnte sich etwas ergeben.

monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.