Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Die Stunde null

Vorarlberg / 21.03.2017 • 18:56 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Die Bilder sind schwarz-weiß. Sie zeigen alte Männer. Würdig schauen sie aus in ihren dunklen Anzügen. Die altertümlichen Mikrofone, seidenen Stecktücher, die Tischdecke aus Brokat – alles atmet Bedeutungsschwere. Wie fürs Geschichtsbuch gemalt.

Am 25. März 1957, also vor 60 Jahren, unterschrieben diese Staatsmänner aus Italien, Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg in einem Renaissancepalast die römischen Verträge. Gerade zwölf Jahre zuvor hatte der entfesselte Krieg 60 Millionen Menschenleben gefordert und Europa als Trümmerwüste hinterlassen. Nun setzten sich die würdigen Herren an einen Tisch. Sie hatten beschlossen, künftig miteinander zu handeln, statt aufeinander zu schießen. So schlug die Geburtsstunde der Europäischen Union.

Das steht dieser Tage in jeder Zeitung. Meist in den Beilagen, die alle eine Ecke fürs Historische haben. Vorne, in der Außenpolitik, wird derweil weiter munter auf Brüssel eingedroschen. Die EU ist schwach. Die Briten gehen. Wer wohl folgt? So sieht keine Zukunft aus! Wie aber dann? Da schütteln die Kritiker die Köpfe. Anders halt. Und viele sagen: Am besten wieder jeder für sich. Sie haben halt auch schon die Stunde null in die Archive verbannt, wo sie ins Vergessen hinüberdämmern darf. Sie schlug übrigens am 8. Mai 1945.

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