Gertraud und Gerry sind ein Herz und eine Seele

24.03.2017 • 17:17 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Waren nie ohne einander: Gertraud Holzer und ihr jüngerer, geistig gehandicapter Bruder Gerry Schreiber. Foto: VN/HARTINGER
Waren nie ohne einander: Gertraud Holzer und ihr jüngerer, geistig gehandicapter Bruder Gerry Schreiber. Foto: VN/HARTINGER

Seit dreißig Jahren sorgt Gertraud Holzer für ihren geistig beeinträchtigten Bruder.

Lustenau. (VN-kum) Vor knapp 30 Jahren versprach die heute 63-jährige Gertraud Holzer ihrer Mutter am Totenbett, dass sie sich um Gerry kümmern werde. „Ums Bübchen brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Er wird bei mir einen guten Platz haben“, versicherte sie der sterbenden Mutter. Danach schlief ihre Mama friedlich ein. Für Gertraud war es immer klar, dass sie ihren Bruder Gerry einmal in ihre Obhut nehmen würde. „Für ihn hätte ich sogar auf eine Ehe verzichtet.“ Zum Glück fand sie mit Franz einen Mann, „der sehr sozial ist und immer alles mitgetragen hat“.

In die Familie integriert

Gerry kam gesund auf die Welt. Eine unentdeckt gebliebene Hirnhautentzündung führte bei ihm zu einer geistigen Beeinträchtigung. „Gerry kann sich selbst nicht helfen“, macht Gertraud klar, dass ihr 58-jähriger Bruder allein hilflos wäre. Sie erinnert sich, dass sie als Mädchen ihren jüngeren Bruder überallhin mitgenommen hat. „Er war mein Anhängsel und ein ganz liebenswertes Kind. Ich habe ihn schon damals sehr geliebt.“ Den Tod der Mutter verkraftete Gerry gut. Doch als der Vater starb, ging es mit ihm bergab. Der gehandicapte Mann, der im unteren Stock des Hauses wohnte, vereinsamte. „Er wollte auch nicht zu uns in die obere Etage kommen.“ Von Tag zu Tag wurde Gerry übellauniger. Gertraud und Franz entschieden, ein neues Haus zu bauen und für Gerry ein Wohnschlafzimmer mit Bad einrichten zu lassen. „Ab da war er wieder der Alte. Jetzt war er in die Familie integriert.“

Gerry vergötterte Gertrauds Kinder. „Er ging mit ihnen spazieren und spielte mit ihnen. Wenn ich mit den Kindern schimpfte, war er böse auf mich“, erinnert sich die pensionierte Kindergärtnerin lächelnd. Auch die Kinder mochten ihren Onkel. Sobald Tobias und Adeline ein gewisses Alter hatten, entlasteten sie ihre Eltern. „Ihr könnt in die Ferien gehen. Wir schauen auf den Onkel“, boten sie sich an, denn Gerry kann nicht allein gelassen werden. „Es muss immer jemand da sein. Man ist nie frei und immer gebunden. Das belastet mehr als die Arbeit, die man hat“, zeigt Gertraud auf, dass Gerry für die ganze Familie eine große Aufgabe ist. Die Hauptlast aber trägt Gertraud. Sie macht seine Wäsche, bereitet die Mahlzeiten zu, hält sein Zimmer sauber, badet ihn jeden Morgen, spritzt ihm zwei Mal am Tag Insulin, fährt mit ihm zum Arzt und führt ihn zum Fußballplatz. Gerry ist ein großer Fan von Austria Lustenau und FC Lustenau und geht auf jedes Match.

Begeisterung für den EHC

Einen besonderen Stellenwert hat bei ihm aber der EHC Lustenau. „Zu diesem Verein gehört Gerry dazu. Er darf sogar in die Mannschaftskabine“, freut sich Gertraud für ihren sportbegeisterten Bruder. Dieser ist schon ganz ungeduldig. Er möchte in die Eishalle, wo er täglich seine Runden dreht. Nur gestern blieb er zu Hause, weil er so eine Freude hatte, wieder daheim zu sein. Gertraud war mit ihrem Mann eine Woche auf Skiurlaub, weil sie eine Auszeit brauchte. Währenddessen war Gerry in einem Wohnheim der Lebenshilfe untergebracht. „Mittlerweile gefällt es ihm dort. Aber das war nicht immer so. Am Anfang hörte er aus Heimweh einfach auf zu essen“, erzählt die 63-Jährige. Gertraud weiß: „Gerry braucht die Familie wie eine Blume das Wasser.“ Aber auch sie könnte sich ein Leben ohne ihren Bruder nicht mehr vorstellen.