Zeit für Umstellungen

Vorarlberg / 24.03.2017 • 17:18 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Fotolia

Fotolia

Ein Mann sitzt an einem einsamen Waldsee und hält eine Angel in der Hand. Da kommt jemand zu ihm und stellt fest: „Hier werden sie aber kaum einen Fisch fangen!“ Der Mann sagt darauf: „Na und?“ Fragt ihn der andere: „Und was tun Sie dann hier?“ „Nichts“, antwortet er, „ich schaue übers Wasser und höre den Vögeln am Waldrand zu.“ Er ist ein Mensch, der nichts anfangen kann mit dem Diktat der Nützlichkeit! Ihm scheinen die Worte „schnell, schnell“ und „sofort“ fremd zu sein.

Ein anderer denkt über sein Alter nach. Nichts geht mehr sofort. Alles braucht viele Augenblicke: das Gehen, das Aufstehen und Anziehen, das Reden und Antworten, das Essen, das Lesen. Ist das ein Verlust? Ja! Keiner soll mir das Alter schönreden!

Ich komme nicht mehr so viel herum, aber die weniger werdenden Orte ehre ich mit neuer Bedächtigkeit. Ich reagiere langsamer und bin nicht mehr so sehr den Augenblicken ausgeliefert. Ich entdecke neue Tugenden an mir: die Langsamkeit als Schwester der Geduld, den langen Blick auf die Vorgänge des Lebens. Ich muss nichts mehr beweisen und erwerben, ich bin dabei, das Erobern zu verlernen.

Ohne Sofort

Die diesjährige Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“ trägt den Titel „Augenblick mal!“ und wendet sich gegen den „Sofortismus“. Es wird in der Zeit vor Ostern eine Kur zur Entschleunigung angeregt.

Schon der Prediger in der Bibel sagt: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; … weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit …“ (Kohelet 3,1-4). Nicht alles hat gleichzeitig seine Zeit. Und manches braucht auch seine Zeit. Man kann schließlich auch keinen Apfel zur Reife hetzen.

Rettung des Zwecklosen

Auch der Sonntag hat seine Zeit. Der siebente Tag der Schöpfung ist Ruhetag für den Schöpfer und ein Geschenk an seine Geschöpfe. Einmal nicht funktionieren müssen wie eine Maschine, sondern Mensch sein dürfen. Wer genug gearbeitet hat, darf auch aufhören zu arbeiten und braucht keine Angst vor der Ruhe zu haben. Hinter mancher „Gschaftigkeit“ tarnt sich ohnehin bloß Faulheit.

Der Sonntag ist ein Tag, an dem es sich die Menschen erlauben dürfen, dem Reich der Zwänge zu entfliehen und sich dem Zwecklosen zu widmen (nicht dem Sinnlosen!). Die Kräfte dürfen brach liegen. Man darf sich der Poesie widmen, sich Gebete erlauben, ein Lied anstimmen, eine Wolke betrachten, die Einsamkeit suchen oder ihr entfliehen, bessere Kleider anziehen, essen und trinken gehen, den andern und sich selbst neu entdecken – und ausprobieren, was alles sein könnte . . . Dann lässt der Sonntag vielleicht auch den Alltag erglänzen!

Gut gewählt

Von Maria und Marta, den beiden Schwestern, erzählt das Lukasevangelium. Vielleicht hat Marta zu ihrer Schwester gesagt: du lässt dich gehen, du bist arbeitsscheu und verabsäumst deine Pflichten. Immerhin ist sie es ja, die Jesus eingeladen hat und sich seinetwegen viel zu schaffen macht. Maria sitzt nur herum, hört ganz versunken zu und hat keine Absichten. Sie hat einfach Zeit. Aber das macht sie schon verdächtig. Dabei ist sie es ja, die die rechte Stunde erkennt und nicht verwechselt mit den Stunden, wo Engagement angesagt ist. Jesus sagt zu ihr: „Marta, Marta, du sorgst und mühst dich um vieles; doch eines ist nötig: Maria hat das gute Teil erwählt; das soll ihr nicht genommen werden.“ (Lukas 10, 38-42)

Wem beim Stillsitzen und Zuhören plötzlich durch den Kopf schießt, was er noch alles zu erledigen hat, der wird verstehen, warum es leichter ist, Marta zu spielen als Maria.