Als Kind durch die Hölle gegangen

05.04.2017 • 16:34 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Diese Frau aus Feldkirch erlebte in ihrer Kindheit einen Albtraum.
Diese Frau aus Feldkirch erlebte in ihrer Kindheit einen Albtraum.

Alexandra (44) erlitt in ihrer Kindheit ein Martyrium. Ihre Pflegemutter misshandelte sie.

Feldkirch. (VN-kum) Desolate Familienverhältnisse wurden Alexandra (Name von der Redaktion geändert) zum Verhängnis. Mit fünf kam sie ins Kinderdorf. Dort war sie nicht glücklich. „Die Aufsichtsperson nahm mich nie in den Arm.“ Das Kinderdorf war nicht ihre letzte Station. Sie war neun, als Pflegeeltern sie aufnahmen.

Vor Hunger Klebstoff gegessen

Das war der Beginn ihres fünf Jahre dauernden Martyriums. Denn ihre Pflegemutter, eine große, dicke Frau, misshandelte sie schwer. „Sie hat mich fast jeden Tag verprügelt.“ Alexandra erinnert sich an Schläge mit dem Besenstiel und an Fußtritte. Das wehrlose Kind wurde dabei zum Teil schwer verletzt. Es trug mehrmals einen Gips am Arm, weil seine Finger gequetscht oder gezerrt waren. Der schmächtige Körper des Kindes war mit Platzwunden und blauen Flecken übersät. Die sadistisch veranlagte Frau beließ es nicht bei Prügeln. Sie wusste das Kind noch anderweitig zu quälen. Wenn Alexandra abwusch, tauchte sie das Mädchen mit dem Kopf ins heiße Spülwasser. Es gab noch andere einschneidende Erlebnisse, die dem Kind dermaßen zusetzten, dass es jeden Tag den Herrgott anflehte, es holen zu kommen. „Einmal schnitt sie mir mit einem Messer tief in den Daumen und meinte: ,Jetzt weißt du, wie es sich anfühlt, zerstückelt zu werden.‘“

Noch schlimmer waren für das Mädchen die Tage, an denen es nichts zu essen und zu trinken bekam. Wochenlang verweigerte seine Pflegemutter ihm Nahrung. „Ich habe im Müllkübel nach Essen gesucht, mir Jausenbrote erbettelt, vor Hunger tubenweise Klebstoff gegessen und auf Gehsteigen Kaugummis aufgelesen.“ Aber noch grausamer als der Hunger erschien ihr der Durst. „Das sind Schmerzen, die kann man sich nicht vorstellen. Ich biss mir die Wangen auf, damit ich das Blut trinken konnte.“ Der Sadismus ihrer Pflegemutter kannte keine Grenzen. Nächteweise musste das durstige und hungrige Kind aufrecht auf einem Holzstuhl sitzen. „Um meine Qual zu vergrößern, ließ sie den Wasserhahn absichtlich tropfen.“ Dann kam der Tag, an dem das Kind innerlich zerbrach. „Mein Pflegevater wollte seine Frau verlassen. Er sagte: ,Ich schaue diesem Wahnsinn nicht mehr zu und gehe.‘“ Alexandra, die damals nur vom Wind liebkost wurde, stockt. Zu schrecklich sind die Erinnerungen. „Als er ging, hat sie sich ein Fleischmesser geschnappt. Ich spürte das kalte Metall an meinem Hals und sah in ihre Augen. Da begriff ich, dass sie ihre Drohung wahrmachen würde: Sie wird mich zerstückeln und im Wald verscharren.“ Bis heute glaubt Alexandra, dass die Pflegemutter sie umgebracht hätte, wenn ihr Pflegevater nicht gleich wieder zurückgekommen wäre. Aber Alexandra war ab diesem Moment ein anderer Mensch, ein gebrochener Mensch. „Ich war zwar noch am Leben, aber innerlich tot.“

Die Menschen in ihrer Umgebung schauten alle weg. „Meine Würgemale am Hals haben keinen interessiert.“ Sie erwartete sich von niemandem Hilfe, „weil ich in viele Gesichter sah und keiner reagierte“. Als einmal eine Frau von der Jugendfürsorge unangekündigt vor der Tür stand, musste Alexandra ihrer Pflegemutter versprechen, dass sie alles für sich behält. „Sie drohte mir, dass ich sonst in ein Heim für schwer erziehbare Kinder komme.“ Auch den Kontakt zu ihrer Familie unterband die Pflegemutter. „Sie sagte mir, dass man mich nicht mehr sehen wolle, weil ich Unglück bringe. Ich glaubte ihr.“ Das Martyrium endete für Alexandra, als zwei Lehrer Verdacht schöpften und ihren Vater in die Schule riefen. „Er sah mein blaues Auge und erstattete Anzeige.“ Ihre Familie war bemüht, aber mit dem traumatisierten Teenager überfordert. Die junge Frau soff, kokste und rauchte Kette. „Ich habe auch Fahrspiele gemacht, bin auf eisiger Straße in Kurven gerast.“

Diese Hölle namens Leben

Der Tod machte ihr keine Angst, das Leben aber schon. Alexandra wollte Schluss machen. Aber dann erfuhr sie, dass sie schwanger ist. „Mein Kind rettete mir das Leben.“ Es gibt ihrem Leben Sinn. „Wenn mit ihm etwas wäre, würde ich mir die Kugel geben. Dieses Kind ist der einzige Grund, warum ich mir diese Hölle namens Leben antue“, sagt die 44-Jährige, die nach einer Ehe, in der sie erneut Gewalt erlebte, nicht mehr arbeitsfähig ist. Doch Alexandra ist künstlerisch begabt. Sie malt Bilder und schreibt Kinderbücher. „Diese werden aber nie auf den Markt kommen, weil mir die Kraft fehlt und ich nicht an mich glaube.“ Sie bedauert zutiefst, „dass die Hölle, durch die ich ging, mir jede Chance auf ein erfülltes Leben genommen hat“.

Für mein Kind tue ich mir die Hölle namens Leben an.

Alexandra