der gefangene floh

Vorarlberg / 09.04.2017 • 17:07 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

eine mir seit langem im alltag gebräuchliche eigenheit scheint auf manche menschen nach wie vor befremdlich zu wirken. vor ein paar tagen erst wurde ich wieder einmal mit „warum, amanda, schreibst du eigentlich alles klein?“ darauf angesprochen. es stimmt, seit jahren korrespondiere ich, ohne groß rücksicht auf orthografische regeln der deutschen sprache zu nehmen. privat und auch geschäftlich verzichte ich regelmäßig auf das hervorheben von substantiven.

 

viele gründe sind denkbar, warum ich mich dazu entschlossen haben könnte, alles einheitlich in einen kleingeschriebenen guss zu setzen. so erinnere ich mich an einen lieben menschen, der diese schreibweise in unserem zusammensein schon vor vielen jahren verwendete. die kleinschreibung könnte meine art sein, ihn immer in meinem gedächtnis haben zu wollen. möglich ist auch, dass mein schreibstil den erfahrungen aus meiner langjährigen arbeit mit jugendlichen ausdruck verleihen soll, wonach ich jugendgerecht unangepasst zu kommunizieren versuche. vielleicht hoffe ich auch, mich über die kleinschreibung nicht mit den wirren der orthografie und möglichen schreibfehlern auseinandersetzen zu müssen. oder ich bin einfach nur zu bequem und zu faul, um eine formvolle deutsche sprache zu verwenden.

 

kurz in duden und wikipedia recherchiert, markiert die deutsche großschreibung eine wichtige unterscheidung zwischen wortarten. während ein großes substantiv für eine autonome substanz steht, bezeichnen kleine adjektive und verben eigenschaften und vorgänge, die diesen substanzen über ihr abhängiges naturell zugeschrieben werden. grammatikalisch höchst korrekt präsentiert sich somit in der deutschen sprache, völlig unbemerkt von uns allen, das faktisch unhinterfragte ganz großgeschrieben.

 

ich vermute, das verwenden der kleinschreibung ist meine stilistische aufforderung an uns alle, an diesen sprachlich gesetzten gewissheiten zu rütteln. denn kleingeschrieben zwingt uns ein text dazu, seinen ihm eigenen sinn über die deutung von zusammenhängen zu begreifen. ich glaube tatsächlich, wir sollten diesen blick üben, wenn wir unser freisein nicht gefährden wollen. schließlich wissen wir, dass uns nur das gestalten des zueinanders ein autonomes leben ermöglicht.

denn kleingeschrieben zwingt uns ein text dazu, seinen ihm eigenen sinn über die deutung von zusammenhängen zu begreifen.

amanda.ruf@vn.at
Amanda Ruf ist Geschäftsführerin des Vereins Amazone.