Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Eine Andere

Vorarlberg / 11.04.2017 • 17:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Denn ich bin eine Andere, dachte sich Lara; was so viel heißen sollte wie: Jedenfalls bin ich nicht so wie ihr alle, die Eltern, die Bekannten, alle.

Sie lebte in einer Familie mit vier Schwestern, die meinten, alles besser zu wissen. Ihre Eltern waren Professoren und wenig zu Hause. Lara war die Jüngste, die Einzige, die schlecht war in der Schule, faul, wie es die Eltern nannten. Sie wollten nicht wahrhaben, dass ihre fünfte Tochter sich ehrlich schwer tat mit Lernen, besonders die logischen Fächer machten ihr Probleme. Ihr Vater meinte, die linke Gehirnhälfte müsse besonders geschult werden.

Lara ließ einige Tests mit sich machen, aber einmal verweigerte sie sich. Sie wollte nicht vom Bett aufstehen, kaum zog man sie heraus, ließ sie sich wieder fallen. Sie wartete, bis ihre Schwestern und ihre Eltern aus dem Haus waren, dann ging sie aus der Wohnung. Sie trug ihre Stiefeletten und lief die Straße entlang. Sie schleifte ihr linkes Bein nach, es sah aus, als wäre sie behindert. Der Gang gefiel ihr, und sie nahm sich vor, ihn zu perfektionieren. Bald kam sie zu einem kleinen Park und setzte sich auf eine Bank. Vom falschen Gehen schmerzte der linke Fuß, aber das musste eben so sein. Ein Junge setzte sich neben sie. Er war ein paar Jahre älter, sah ziemlich verwahrlost aus, seine Hosen zerschlissen, die Haare zerzaust, barfuß in abgelaufenen Turnschuhen ohne Bänder. Sie blickte ihn von der Seite an, er wandte sich ihr zu, da sah sie das Mal auf seiner linken Gesichtshälfte.

„Von Geburt an“, sagte er. „Gefällt dir nicht, was?“

„Doch“, sagte Lara, „gerade das gefällt mir an dir, das zieht mich zu dir hin. Bist du jeden Tag hier?“

„Wenn du auch da sein wirst.“

Am folgenden Tag, kaum dass die Familienmitglieder das Haus verlassen hatten, stellte sich Lara vor den Spiegel, holte die Schminktiegel ihrer Schwestern und versuchte, sich ein Mal auf die linke Wange zu schminken. Sie wunderte sich, wie echt das Mal aussah.

Der Junge saß auf der Parkbank und starrte sie an.

„Das ist nicht politisch korrekt“, sagte er und hielt sich die Hand an die Wange.

Lara setzte sich zu ihm, er rückte an ihre Seite, und sie betrachteten sich genau, so als könnten sie etwas finden.

Das wiederholte sich eine Woche lang. Von der Schule wurde eine Entschuldigung verlangt, Laras Eltern bekamen einen Brief.

Ihre Mutter wollte herausfinden, wo Lara ihre Zeit verbrachte. Sie beauftragte eine Schülerin, Lara zu folgen, und ihr dann Bericht zu geben. Die Schülerin fotografierte Lara und den Jungen auf der Bank, man sah die Male der beiden auf ihren Gesichtern.

Die Eltern erschraken und dachten lange darüber nach, was geschehen müsste.

Ihr Vater meinte, die linke Gehirnhälfte müsse besonders geschult werden.

monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.