„Es war intensiv, anstrengend, cool und grenzwertig“

11.04.2017 • 17:20 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Pilotin Veronika Grabher und Navigatorin Sibylle Klinger bewältigten die Rallye „Aicha des Gazelles“. Foto: Maienga / Rallye Aicha des Gazelles
Pilotin Veronika Grabher und Navigatorin Sibylle Klinger bewältigten die Rallye „Aicha des Gazelles“. Foto: Maienga / Rallye Aicha des Gazelles

Vorarlbergerinnen nahmen an einer Frauenrallye in Marokko teil. Sie kamen an ihre Grenzen.

Lustenau. Es war die bisher größte Mutprobe in ihrem Leben. Veronika Grabher (53) und Sibylle Klinger (58) haben sie bravourös bestanden. Die beiden Frauen nahmen an der „Aicha des Gazelles“ teil, einer Frauenrallye, die von Nizza ins marokkanische Hinterland führt und zu den härtesten Autorennen der Welt zählt. „Wir kamen als 87. Team ins Ziel“, sind Grabher und Klinger zufrieden mit dem erreichten Rang im Mittelfeld.

2500 Kilometer legten die beiden mit ihrem Toyota Land Cruiser zurück, ohne GPS und Handy, nur mit Kompass und Karten ausgerüstet. Das neun Tage dauernde Rennen führte die Pilotin und ihre Navigatorin durch Täler, über Berge und Dünen und durch ausgetrocknete Flussbette. „Es war fahrerisch eine große Herausforderung. Wir fuhren nur ganz selten auf Straßen und Wegen. Sehr oft mussten wir Flussbette durchqueren“, berichtet Grabher, die am Steuer saß. Schon am ersten Tag der Rallye wurden die 160 teilnehmenden Teams mit einer Herausforderung konfrontiert. Die Frauen waren gerade dabei, ihr Nachtlager einzurichten, als ein Sandsturm aufzog und über sie hinwegfegte. „Man sieht gar nichts mehr. Es ist wie in einem Schneesturm“, versucht Grabher diese Naturgewalt zu beschreiben.

Die Nächte waren kalt und kurz. „Wir haben in den Zelten gefroren und höchstens vier Stunden geschlafen. Aber die Müdigkeit verschwand, sobald wir am Start waren. Das Adrenalin putschte uns auf.“ Untertags machte ihnen die Hitze zu schaffen. „Im Auto hatte es über 30 Grad. Eine Klimaanlage hatten wir nicht, weil keine erlaubt war. Wenn wir das Gebläse eingeschaltet haben, ist uns Sand entgegengekommen“, erinnert sich die 53-Jährige, deren Haar unterm Helm immer schweißnass war. Weil die Rennfahrerin bis zu 15 Stunden am Tag am Steuer saß, begannen sie die Oberarme und der linke Fuß zu schmerzen. Als sie Schwielen an den Händen bekam, fuhr sie nur noch mit Handschuhen.

Im Schlamm steckengeblieben

Zwei Mal kam das Team aus dem Ländle in eine Situation, in der es ans Aufgeben dachte. „Einmal blieben wir mit dem Auto im Dünensand stecken. Aber dank sechs marokkanischer Mädchen konnten wir weiterfahren. Sie haben uns rausgezogen.“ Ein andermal fuhren sich die Frauen im Schlamm fest. „Die hintere Achse steckte fest. Um sie auszugraben, mussten wir uns in den Schlamm legen“, zeigt die Lustenauerin auf, dass von ihr und Klinger voller Körpereinsatz gefordert war. Auch einen Reifenplatzer überstand das taffe Duo. „Wir waren im Gebirge unterwegs. Ein spitziger Schieferstein wurde uns zum Verhängnis.“ Nach dem Reifenwechsel entdeckten sie nur einen halben Meter vom Auto entfernt eine Schlange. „Ich habe sie gefilmt. Später stellte sich heraus, dass es eine Giftschlange war.“ Auch das Gelände barg Gefahren. „Drei Mal wurden wir von der Security angefunkt und gebeten, aus Sicherheitsgründen stehenzubleiben und erst wieder bei Tag weiterzufahren. Als es hell wurde, sahen wir die tiefen, felsigen Abgründe.“

Grabher verhehlt nicht, „dass alles zusammen hart war und ich an meine Grenzen gekommen bin“. Aber sie ist dankbar für die Erfahrung. „Jetzt weiß ich, dass ich in Extremsituationen sehr ruhig bleibe.“ Auch Klinger, ihre Navigatorin, möchte diese Erfahrung nicht missen und ist froh, dass sie dabei sein durfte: „Es war intensiv, nervig, cool, anstrengend, lustig und auch grenzwertig.“ Grabher, deren Großvater ein Marokkaner war, überlegt sogar, nächstes Jahr wieder an dieser Rallye teilzunehmen, die einem guten Zweck dient. Die Teilnehmerinnen erhalten kein Preisgeld. Im Vordergrund  steht vielmehr die Unterstützung der marokkanischen Landbevölkerung. „Mir geht es um die humanitäre Sache. Ich sehe es als meine Aufgabe, den Menschen dort zu helfen. Deshalb habe ich auch den Verein ,beyondlimit‘ gegründet.“ Grabher hofft, dass ihr Verein unterstützt wird.

Alles zusammen war hart. Ich bin an meine psychischen und physischen Grenzen gekommen.

Veronika Grabher