Diener für andere sein

12.04.2017 • 16:48 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Das letzte Abendmahl hat die Katholische Kirche 2016 als Straßentheater inszeniert.  Foto: Katholische Kirche
Das letzte Abendmahl hat die Katholische Kirche 2016 als Straßentheater inszeniert. Foto: Katholische Kirche

Heute erinnern sich Christen an den letzten Auftrag des Jesus von Nazareth.

Schwarzach. ™ Während den allermeisten Menschen ein langes, freies Osterwochenende ins Haus steht, rüsten sich Priester und Kirchenvolk für anstrengende Tage. Die Gotteshäuser wurden längst vom Ambo bis zum Ziborium auf Hochglanz gebracht. Predigten werden noch einmal geübt. Die Orgel schickt die letzten Töne ins Gebälk. Denn die Königin der Instrumente verstummt mitten im Gottesdienst am Gründonnerstag. Zusammen mit den Glocken. Die plötzliche Stille hat etwas Ehrfürchtiges. Denn der Gründonnerstag öffnet heute die Tür zum sogenannten „Triduum sacrum“: Karfreitag, Karsamstag und Ostersonntag bilden zusammen die Mitte des Osterfestes. Das ist die heiligste Zeit der Christenheit.

Die Ereignisse vor rund 2000 Jahren, an die sich rund 2,3 Milliarden Christen rund um den Erdball erinnern, stehen im Neuen Testament nachzulesen. Die sogenannte Passion und die Kreuzigung Jesu sind das Zentrum seines Lebens. Alles steuert auf diesen Augenblick zu. Dabei dürfen die vier Passionserzählungen nicht durch die historische Brille gelesen werden. Sie sind keine antiken Tatsachenberichte. Sie erzählen vielmehr, woran die ersten Christen glaubten, woran sich die Weggefährten des Jesus von Nazareth erinnern konnten. Alle vier Texte wurden verfasst, nachdem das ganz Unglaubliche geschehen war: Nach der Auferstehung des Gekreuzigten also, die in der Osternacht in allen Kirchen der Christenheit gefeiert wird. Der Gründonnerstag erinnert an den Vorabend vom Martyrium des Wanderpredigers aus Galiläa. Im Bewusstsein seines nahen Todes hat er mit seinen Weggefährten in Jerusalem einen Raum gemietet, um ein Abschiedsmahl zu feiern. Vermutlich spüren alle, dass etwas in der Luft liegt. Zu viel ist geschehen. Zu radikal hat dieser Jesus alles umgedreht, was bislang in Stein gemeißelt schien.

Wer die ganze „Ver-rücktheit“ seiner Mission in einem Text verdichtet sucht, findet ihn in der Bergpredigt. Diese Sammlung der wichtigsten Lehrsprüche Jesu ist der einflussreichste ethische Text des Christentums. Er gipfelt im absoluten Gewaltverzicht und in der Feindesliebe: „Liebt Eure Feinde und bittet für die, die Euch verfolgen“ (Mt 5,44). Dieser Mann stellt alles auf den Kopf. Als der zurückgetretene Papst Benedikt XVI. noch in Freising junge Theologen unterrichtet hat, schrieb er vom „Identischwerden von Wort, Sendung und Existenz“. Und tatsächlich schreibt der Evangelist Johannes am Anfang seines Berichtes die eigenartigen Sätze: „Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und das Wort war Gott.“ Dieser Jesus nimmt am Vorabend seiner Hinrichtung während des Abendessens Brot und Wein und bezeichnet sie als sein Fleisch und sein Blut. Er selber also verkörpert, was er immer gepredigt hat. Jetzt geht er mit unglaublicher Konsequenz seinen Weg zu Ende. Er gibt seine Existenz für die anderen hin. Der Theologieprofessor Josef Ratzinger schreibt: „Er ist das Wort, weil er Liebe ist.“

Einander Diener sein

Jesus trägt seinen Anhängern auf, künftig gemeinsam in seinem Andenken genauso Mahl zu halten. Hier schlägt die Geburtsstunde des christlichen Priestertums. Es geschieht noch mehr Zeichenhaftes an diesem Abend. Jesus wäscht seinen Anhängern die Füße. Sie sollen einander künftig Diener sein. Die Rivalitäten und Kriege der Christen untereinander erzählen beredt davon, wie oft dieses Gebot mit Füßen getreten wurde.

Der englische Staatsmann und Autor Thomas More, der seine Prinzipientreue im 16. Jahrhundert mit dem Tod bezahlt, nennt Jesus das Musterbeispiel an Beständigkeit: „Er war nicht wankelmütig wie so viele, deren Liebe von kurzer Dauer ist, die sich bei der ersten Gelegenheit davonmachen.“ An diese unverbrüchliche Treue, die in Zeiten großen Wandels so stark an Bedeutung gewinnt, erinnert der Gründonnerstag, an dessen Ende Jesus sich gefangen nehmen lässt und seiner Verurteilung entgegengeht.

Warum der Gründonnerstag so heißt

Die Herkunft des Namens „Gründonnerstag“ erklären gleich vier verschiedene Thesen. So genau weiß das nämlich niemand.

Virides –„die Grünen“. Die Büßer mussten früher ab Aschermittwoch in Sack und Asche gehen, erst am Gründonnerstag, dem allgemeinen „Antlasstag“, wurden sie aus ihren Sünden entlassen. Daher kommt möglicherweise auch der Name, denn die Büßer hießen lateinisch „virides“ („die Grünen“). Der Name steht für dürres Holz, das mit dem Ablass der Sünden wieder lebendig und grün wird.

Farbe der Messgewänder. Einer anderen Theorie zufolge trugen vor dem 16. Jahrhundert die Priester beim Gottesdienst am Gründonnerstag grüne Gewänder. Heute ist Weiß die liturgische Farbe der Messgewänder am Gründonnerstag. Der heutige Farbenkanon des Römischen Ritus sieht Weiß als liturgische Farbe für den Gründonnerstag vor.

Gemüse und Kräuter. Der Name könnte aber auch daher rühren, dass am Gründonnerstag bis heute grünes Gemüse gegessen wird. Dieser Brauch stammt gut und gerne aus vorchristlicher Zeit. Ihm liegt die Vorstellung zugrunde, dass dadurch die Kraft des Frühlings und eine Heilwirkung für das ganze Jahr aufgenommen wird.

„Greinen“. Das althochdeutsche Wort grînan und das mittelhochdeutsche grînen bedeuten „lachend, winselnd, weinend den Mund verziehen“. Deutet das auf die Büßer hin und ist aus grîn donerstac allmählich ein Gründonnerstag geworden? Dem widerspricht, dass der Gründonnerstag seit dem 4. Jahrhundert ein kirchlicher Freudentag war, an dem die zuvor Exkommunizierten wieder aufgenommen wurden. Das Greinen war also zu Ende.