Geschichten, die das Kinderleben schrieb

12.04.2017 • 16:24 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Idyllisch: Gitarrist Toni Eberle, einer der Autoren, als Bub mit Geschwistern und Esel im Garten des elterlichen Anwesens.  Foto: Eberle
Idyllisch: Gitarrist Toni Eberle, einer der Autoren, als Bub mit Geschwistern und Esel im Garten des elterlichen Anwesens. Foto: Eberle

Vorarlberger Kinderdorf arbeitet Historie auf und macht Kind­heiten lebendig.

bregenz. (VN-mm) Es sind keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern authentische Geschichten. Geschichten, die das wirkliche Leben schrieb. Geschichten aus Kindertagen, die ein eindrückliches Stimmungsbild über die Bedingungen des Aufwachsens ab 1945 zeichnen. Zusammengefasst im Buch „Kindheit(en) in Vorarlberg“, das vom Vorarlberger Kinderdorf initiiert wurde. 38 Persönlichkeiten aus mehreren Generationen teilen mit dem Leser ihre Erinnerungen an die Kindheit. Daneben werden aber auch die bewegte Geschichte des Vorarlberger Kinderdorfs aus verschiedenen Blickwinkeln sowie die Entwicklungen in der Jugendfürsorge betrachtet. „Intention für das Buch war, die eigene Historie aufzuarbeiten, auch ihre dunkle Seite“, erklärt Christine Flatz-Posch, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit. Das Druckwerk mit fast 300 Seiten erscheint in einer Auflage von 2000 Stück und ist ab 24. April im Vorarlberger Kinderdorf sowie im Buchhandel erhältlich.

Frühzeitige Hilfe

Auch Christoph Hackspiel, heute Kinderdorf-Geschäftsführer, hat seine Erfahrungen mit Freiheit und Ohrfeigen gemacht. „Wenn ich an meine Kindheit denke, tauchen zuerst Bilder vom Staudammbauen am Tannenbach oder Klingelpartien bei Nachbarhäusern auf“, erzählt er. Genauso gut erinnert er sich aber an Ohrfeigen, die er zu Hause oder in der Schule ausfasste, wenn er etwas angestellt hatte. Das ist Schnee von gestern, doch es prägt. „Genau dann werden die Grundlagen dafür gelegt, ob wir uns zu vertrauensvollen, freundlichen, wissbegierigen und selbstbewussten oder eben anderen Menschen entwickeln“, sagt Hackspiel. Aber es liegt nicht nur an einem selbst. „Vielmehr hängt es vom familiären Umfeld, von anderen Bezugspersonen oder professionellen Unterstützungsangeboten ab, ob wir unser eigenes Glück mehr oder weniger schmieden können“, redet er deshalb einer möglichst frühzeitigen Hilfe für Kinder das Wort, wenn das System überlastet ist.

Blick über den Tellerrand

Doch auch der Blick über den Tellerrand war wichtig. Fast 70 Jahre Landesgeschichte mit Kindern im Fokus fördern ebenso düstere wie helle Abschnitte zutage. Die Historikerin Barbara Hoja widmet sich der Geschichte des Kinderdorfs anhand von Interviews mit ehemaligen Kinderdorf-Kindern, Mitarbeitern und Zeitzeugen. Alfons Dür wiederum geht der Veränderung der Stellung von Kindern und Jugendlichen in Familie und Gesellschaft nach. Peter Fischer, Lehrerausbildner an der PH Vorarlberg, analysiert Schule im machtpolitischen Spannungsfeld, und Christine Flatz-Posch durchforstete die Kindheitsgeschichte danach, was sich als positive Erinnerung besonders eingeprägt hat. „Dabei wird noch einmal deutlich, wie entscheidend das Umfeld ist, in das wir hineingeboren werden“, hat sie festgestellt. Mit ihren persönlichen Rückschauen, meint sie, setzen die Autoren auch ein Zeichen für die Zukunft, für Sensibilität im Umgang mit Kindern und Mut zur frühen Hilfe für benachteiligte Kinder und Familien.

Das Umfeld, in das wir hineingeboren werden, entscheidet.

Christine Flatz-Posch

Kindheit(en) in Vorarlberg, 300 Seiten, Bucher Verlag, Preis: 28 Euro, ab 24. April erhältlich