Niemand glaubte mehr an sein Überleben

12.04.2017 • 16:17 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Hinter Leo Valentin liegt ein 13-monatiger Spitalsaufenthalt. Er schwebte zwischen Leben und Tod.  Foto: VN
Hinter Leo Valentin liegt ein 13-monatiger Spitalsaufenthalt. Er schwebte zwischen Leben und Tod. Foto: VN

104 Tage lag Leo Valentin auf der Intensivstation. Er zählt dort zu den Rekordhaltern.

Feldkirch. Seine Schwiegermutter ist fromm. Sie zündete in der Kirche Kerzen für ihn an und hoffte so auf Beistand von oben. Sie musste viele entflammen. Denn Leo Valentin (49) rang im LKH Feldkirch mehrere Wochen lang mit dem Tod, lag dreieinhalb Monate auf der Intensivstation und war insgesamt 13 Monate im Spital.

Bis dato hatte der Feldkircher Krankenhäuser noch nicht oft von innen gesehen. Aber das änderte sich schlagartig, als Ärzte im März 2015 einen bösartigen Tumor in seinem Magen entdeckten. Die Diagnose Magenkrebs traf Valentin nicht ins Mark. „Ich war weder geschockt noch hatte ich Angst. Ich fühlte mich stark genug, um diesen Weg zu gehen.“ Doch da wusste der Vater eines Sohnes noch nicht, was auf ihn zukommen würde.

Sepsis nach Magen-OP

Die Operation, bei der sein Magen entfernt wurde, verlief gut. Aber bei der Nachkontrolle stellte man fest, dass sein Blut hohe Entzündungswerte aufwies. „Weil eine Naht nicht dichtgehalten hatte, kam Speisebrei in meinen Bauchraum. Daraufhin hat sich alles entzündet. Ich litt an einer schweren Blutvergiftung“, erzählt Valentin, warum seine Blutwerte so schlecht waren. Mit einer Not-OP versuchten die Ärzte, ihm das Leben zu retten. „Ab da kann ich mich an nichts mehr erinnern. Ich verlor für einige Wochen das Bewusstsein.“ Von den Medizinern weiß er, dass nach der Notoperation einige seiner Organe versagten und niemand mehr an sein Überleben glaubte. Aber die Ärzte gaben ihn nicht auf. Innerhalb eines Monats operierten sie ihn elf Mal. „Nach der fünften OP konnten sie mich wegen des schlechten Gewebes nicht mehr zunähen. Sie hofften, dass die Wunde trotzdem heilt.“ Und das tat sie dann auch. Auch die Organe erholten sich wieder. Valentin überlebte wie durch ein Wunder.

Aber der Weg zurück ins Leben war kein einfacher. Er hatte 52 Kilo Gewicht und 35 Kilo Muskelmasse verloren. „Ich hatte überhaupt keine Kraft mehr und war so schwach, dass ich mich nicht einmal alleine auf die Seite drehen konnte.“ Noch heute kämpft er mit den Folgeschäden seiner Erkrankung. Aufgrund von Knochenwucherungen und einer Schädigung des Nervensystems konnte er nicht mehr gehen und sich mehrere Monate nur im Rollstuhl fortbewegen. Auch heute noch ist er auf Krücken angewiesen. Aber er ist guten Mutes, dass er bald wieder selbstständig leben kann. Valentin, der mittlerweile wieder halbtags arbeitet, geht regelmäßig zur Therapie. „Mein Ziel ist es, niemandem mehr zur Last zu fallen und wieder Skifahren zu können.“

Schicksal angenommen

Seine positive Einstellung treibt ihn an. Diese trug ihn auch durch die schwere Zeit. „Selbstverständlich hatte ich auch Tiefs. Aber diese hielten nie lange an.“ Valentin konnte sein Schicksal annehmen. „Man muss das, was kommt, akzeptieren und das Beste daraus machen.“ Die Kraft dazu kam aus seinem Innern, sagt er. „Aber mir half auch der Rückhalt meiner Familie.“ Dank seiner bejahenden Haltung konnte er während seines Reha-Aufenthalts einigen Menschen, die ebenfalls ein schweres Schicksal erlitten hatten, aus ihrem dunklen Loch heraushelfen. Valentin überlegt, ob er nicht einen Blog starten soll für Menschen, die Probleme haben, aus ihren Tiefs herauszukommen. Der Konstrukteur glaubt, „dass ich auf Erden noch irgendeine Aufgabe habe. Sonst hätte ich nicht überlebt“.

Vor Kurzem war Valentin bei der Kontrolluntersuchung. Sie ergab keine Auffälligkeiten. „Für mich ist die Sache erledigt. Ich habe keine Angst, dass der Krebs wiederkommt.“ Überhaupt lässt er sein Leben nicht von der Angst bestimmen. „Dann wäre es ja kein Leben mehr.“ Das, was ihm in den vergangenen zwei Jahren passiert ist, hat ihn als Mensch verändert. „Man lebt intensiver, sieht alles nicht mehr so eng und setzt andere Prioritäten. Das Materielle ist in den Hintergrund gerückt. Familie und Freunde wurden wichtiger.“

Es hat ihm auch gezeigt, wie schnell der Mensch aus der Bahn geworfen werden kann und wie kostbar das Leben ist. „Ich schätze es, wenn ich am Morgen aufstehen und zur Arbeit gehen kann.“