Meinrad Pichler

Kommentar

Meinrad Pichler

Vatermord

12.04.2017 • 16:24 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Christenheit gedenkt dieser Tage der blutigen Hinrichtung ihres Gottessohnes. In der abendländischen Literatur und Politik waren allerdings die Väter die häufigeren Opfer von Machtkämpfen. Beim sprichwörtlichen Vatermord handelt es sich aber nicht unbedingt um eine physische Auslöschung, sondern er gilt als Topos für eine erzwungene Entmachtung.

Wo die Alten nicht bei Zeiten an die Jungen übergeben oder Schwäche zeigen, kommt es zuweilen zu erbitterten Machtkämpfen. Obsiegt der Nachwuchs, spricht man von Vatermord. Meist aber stehen den Vätern die besseren Machtmittel zur Verfügung, sprich Anhang, Geld und Erfahrung im Machtspiel. Die Jungen punkten mit Angriffslust, Zukunftsgewissheit und weniger Verlustängsten.

Politische Gruppierungen mit einer innerparteilichen demokratischen Kultur sind von öffentlichen Auseinandersetzungen mit aufmüpfigen Jungen stets stärker betroffen als autoritär geführte Organisationen. Dort kommt es aber bisweilen zu spektakulären Demontagen. Die von Vizekanzler Reinhold Mitterlehner zieht sich allerdings hin, weil der zur Macht drängende Sebastian Kurz noch auf den richtigen Augenblick wartet und wie ein Alter taktiert. Mit offenem Visier, jungem Schwung und verdeckter Hilfe von Gestandenen, jedoch ohne Erfolg versuchte dagegen Alfons Simma 1973 mit der Jungen ÖVP Landeshauptmann Herbert Kessler aus dem Parteivorsitz zu kippen.

Die jüngere österreichische Geschichte kennt aber auch weniger schleichende politische und erfolgreich durchgeführte Vatermorde. Etwa Jörg Haiders Putsch auf dem Innsbrucker FPÖ-Parteitag von 1986, durch welchen er die Parteispitze eroberte. Aber auch ihm entglitten die Zügel eine halbe Generation später in Knittelfeld. Nicht selten werden Königs- beziehungsweise Vatermörder selbst zu Opfern.

Legendär und dem Wortsinn sehr nahe waren die öffentlichen politischen Auseinandersetzungen zwischen Bundeskanzler Bruno Kreisky und seinem Sohn Peter. Dieser fungierte zwar in der Führungsriege des Verbandes sozialistischer Studenten (VSStÖ), aber selten auf der Parteilinie der väterlichen SPÖ.

Grundsätzlichen politischen Auseinandersetzungen mit heftigen Attacken auf die Parteipraxis vonseiten der Jungen und Ausschluss- und Geldentzugsdrohungen durch die Alten folgten aber jeweils innerfamiliäre Versöhnungen. Oft hielt der Friede nicht lange, aber man hat sich immer wieder zusammengerauft.

Nun haben wir es in der österreichischen Politik erstmals mit einem versuchten Muttermord zu tun. Und die Mutter, die ihrem Nachwuchs politisches Selbstbewusstsein, forsches Engagement und mutiges Dagegenhalten vorzuleben versucht hat, muss plötzlich zu autoritären Maßnahmen greifen: Entzug des Taschengelds und Hausverbot. Viele Eltern haben den Aufstand ihrer Brut schon souveräner gelöst.

Nicht selten werden Königs- beziehungsweise Vatermörder selbst zu Opfern.

meinrad.pichler@vn.at
Meinrad Pichler ist Historiker und pensionierter Gymnasialdirektor.