Ein Schicksalsschlag mit gravierenden Folgen

14.04.2017 • 16:53 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Rita Fontanari mit ihrem pflegebedürftigen Mann Ferruccio. Foto: VN/HB
Rita Fontanari mit ihrem pflegebedürftigen Mann Ferruccio. Foto: VN/HB

Rita Fontanari pflegt ihren Mann seit fast 20 Jahren. Doch ihr Leben ist entbehrungsreich.

Götzis. Ferruccio ist ihre große Liebe. „Mir gefällt seine ruhige Art. Er ist mein Gegenpol. Ich bin lebhaft und er bedacht“, zeigt Rita Fontanari (65) auf, dass sie sich als Paar ergänzen. 1972 heirateten die beiden. Sie bauten ein Haus und zogen zwei Kinder groß. Wie in jeder Ehe gab es Höhen und Tiefen. „Aber wir haben immer an einem Strang gezogen und uns nie auseinandergelebt.“

Das Leben der Familie änderte sich radikal, als der Elektroingenieur 1998 einen Hirninfarkt erlitt. „Ferruccio fiel ins Koma. Die Ärzte gingen davon aus, dass er nur noch wenige Tage lebt. Zwei Wochen rang mein Mann mit dem Tod“, spricht Rita über eine der schwersten Zeiten ihres Lebens. Doch Ferruccio überlebte. „Er war zwei Monate im Wachkoma und hat alles mitbekommen.“ Rita holte ihren pflegebedürftigen Mann nach Hause. Sein Oberkörper war gelähmt. Aber Beine und Hände waren noch beweglich. Allerdings konnte Ferruccio nicht mehr sprechen. „Er kann sich nur mit den Händen verständlich machen.“

Weil sie ihn alleine pflegte und überfordert war, schlitterte Rita nach zwei Jahren in ein Burn-out. „Ich war nur noch traurig.“ Danach bezog sie ihre zwei Kinder in die Pflege mit ein. „Wer pflegt, braucht unbedingt auch Zeit für sich. Und wenn es nur zwei Stunden sind, in denen man ein Buch liest.“

„Solange er will, will ich auch“

Weil ihr Mann mehrfach an Lungenentzündungen gelitten hat und seine Lunge seither beeinträchtigt ist, wird er seit zehn Jahren beatmet und über eine Magensonde ernährt. „Er selbst wollte die Sonde und die Trachealkanüle, die ihm das Atmen erleichtert. Mein Mann will leben, nicht sterben. Sonst hätte er gleich aufgegeben.“ Nachsatz: „Und solange er will, will ich auch.“

Inzwischen pflegt die gebürtige Tirolerin ihren Mann schon seit fast 20 Jahren. „Das kann man nur machen, wenn man tief liebt. Wenn wir uns auseinandergelebt hätten, hätte ich ihn nicht gepflegt“, spricht Rita Klartext. Früher konnte sie ihren Mann für einige Zeit alleinlassen. Aber seit er im Oktober eine Lungenentzündung hatte, ist das nicht mehr möglich. „Seither kommen wir zwei auch nicht mehr außer Haus. Wir fühlen uns wie eingesperrt“, klagt die engagierte Frau.

Vieles aufgegeben

Ferruccio kann nur noch höchstens zehn Minuten selbstständig atmen. Um wie früher außer Haus etwas unternehmen zu können, bräuchte er ein transportables Sauerstoffgerät. „Das wurde uns aber von der VGKK mit der Begründung verweigert, dass dies nur Menschen bekommen, die aktiv sind“, ärgert sie sich. Früher konnte das Paar gemeinsam spazieren, reiten und einkaufen gehen, Konzerte, Freunde, Ärzte und Friseur besuchen sowie zur Ergo- und Physiotherapie gehen. „All das wurde Ferruccio genommen und mir als Pflegende gleich mit.“

Rita hofft, dass die VGKK doch noch einlenkt. „Mein Mann und ich hätten wieder ein lebenswertes Leben.“ Aufgrund des Schicksalsschlages musste das Paar schon vieles aufgeben, auch lang gehegte Träume. „Wir hatten uns unser Leben anders vorgestellt und geplant, unseren Lebensabend in Italien zu verbringen. Aber man kriegt nicht immer das, was man will“, bedauert die 65-Jährige. Rita dachte nicht ein einziges Mal, dass es besser gewesen wäre, wenn Ferruccio gestorben wäre. „Ich bin froh, dass ich ihn noch habe.“ Er sei immer noch ihr Mann und in Entscheidungen eingebunden, stellt sie klar: „Er ist nicht mein Kind. Ich bemuttere ihn nicht.“ Sie schläft neben ihm im Ehebett. „Wir sind ja schließlich miteinander verheiratet, gell Schatz“, sagt sie und schenkt Ferruccio einen innigen Blick.