„Vorarlberg ist ein Land der lachenden Frauen“

17.04.2017 • 17:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Wieslaw Piechocki lebt seit 36 Jahren in Vorarlberg.    Foto: VN/hartinger
Wieslaw Piechocki lebt seit 36 Jahren in Vorarlberg.    Foto: VN/hartinger

Wieslaw Piechocki verließ Polen im Jahr 1981. In Vorarlberg fand er eine neue Heimat.

Heidi Rinke-Jarosch

feldkirch. „Entweder man schwamm mit oder gegen den Strom.“ Letzteres war in Polen damals, Anfang der 1980er-Jahre, sehr gefährlich. Und weil Wieslaw Piechocki (70) nicht mit dem Strom schwimmen wollte, verließ er 1981 Polen. Nie mehr wollte er in „dieses kommunistische Land“ zurückkehren.

Pyskowice heißt die oberschlesische Stadt, in der Wieslaw Piechocki 1947 zur Welt kam. Er wuchs dort mit seinen Eltern und einer Schwester auf. 1970 begann er an der Universität in Warschau Romanistik zu studieren. 1974 promovierte Piechocki zum Dr. phil. und wurde Oberassistent an der Uni. Zu jenem Zeitpunkt war er bereits ein Jahr mit der Lebensmittel-chemikerin Malgorzata verheiratet. Tochter Katharina wurde 1975 geboren.

Damals herrschte in dem Ostblockstaat Polen ein totalitäres kommunistisches Regime unter Wojciech Jaruzelski. 1980 gründete der Arbeiterführer Lech Wałesa die Gewerkschaft Solidarnosc als Widerstandsbewegung, worauf Jaruzelski 1981 das Kriegsrecht ausrief. Er ließ Wałesa sowie zahlreiche Solidarnosc-Mitglieder verhaften und hob alle Bürgerrechte auf. Das führte zu einer Emigrationswelle in den Westen.

Auch für den Solidarnosc-Sympathisanten Piechocki wurde es eng. Er stellte einen Antrag für einen Familienurlaub in Norwegen. Dieser wurde genehmigt, und Piechocki begab sich mit Malgorzata und Katharina auf eine Reise, die zur Flucht wurde.

Mit den Touristenvisa durfte die Familie jedoch nur drei Monate in Norwegen bleiben. „Zufällig hörte ich im Radio Bundeskanzler Kreisky sagen, dass Österreich polnische Staatsbürger aufnehme. So reisten wir nach Österreich weiter.“

Am 19. August 1981 kam die polnische Familie mit dem Zug am Bahnhof Götzis an. „Ich fragte einfach Leute auf der Straße, ob jemand ein Zimmer für uns hat“, erinnert sich Piechocki. Ein Ehepaar vermietete den Piechockis einen Mansardenraum.

„Unser größtes Problem war die Sprachbarriere“, erzählt Piechocki. Malgorzata habe kein Wort verstanden. Er selbst hatte sich in Polen zwar Deutschkenntnisse angeeignet, aber die genügten nicht, um sich hierzulande gut verständlich zu machen. „Die Sprache nicht zu beherrschen, ist wie eine unsichtbare Wand, die den Integrationsprozess stört“, merkt er an. „Wir haben jedoch ganz schnell Deutsch gelernt.“ An den Menschen in diesem Land sei ihm anfangs aufgefallen, dass die Frauen besonders viel lachen, „und das sogar in Konfliktsituationen“. Darum bezeichnet Piechocki Vorarlberg als „ein Land der lachenden Frauen“.

Fabrikarbeiter und Lehrer

Anfang der 1980er-Jahre gab es hierzulande noch genug Arbeit in der Textilindustrie. Piechocki bekam einen Job in einer Stickerei. „Drei Monate zuvor war ich noch Oberassistent der Warschauer Uni, jetzt war ich Fabrikarbeiter“, stellt er lachend fest. Das blieb der Sprachwissenschafter aber nicht lange. Im April 1982 wurde er als Latein-, Italienisch- und Französischlehrer ans Liechtensteiner Landesgymnasium geholt.

Zwischenzeitlich wurde seine Familie um zwei Töchter – Claudia und Julia – erweitert und wohnt in Feldkirch. Sie alle sind österreichische Staatsbürger. Seit der Pensionierung vor vier Jahren schreibt Piechocki als freier Mitarbeiter fürs Liechtensteiner Volksblatt und pflegt seine Leidenschaften: Sprachen – er spricht acht fließend – und Reisen. „Außer der Arktis kenne ich alle Kontinente“, sagt er. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sei er auch wieder in Polen gewesen.

Die politische Entwicklung in Österreich sieht Piechocki differenziert, „aber ich bremse mich mit Kritiken, weil ich mich hier als Gast fühle“. Er mahnt lediglich, mit den Begriffen Populismus und Faschismus im heutigen Europa sorgsamer umzugehen.

Unser größtes Problem am Anfang war die Sprachbarriere.

Wieslaw Piechocki

Zur Person

Wielsaw Piechocki

Geboren: 6. Jänner 1947

Wohnort: Feldkirch

Laufbahn: Romanistik-Studium, Uni-Oberassistent, Fabrikarbeiter, Lehrer

Familie: verheiratet mit Malgorzata, Vater von drei erwachsenen Töchtern (Katharina, Claudia, Julia)