Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Richtiger Ton

18.04.2017 • 16:57 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Er sagte die richtigen Sachen, aber nicht im richtigen Ton. Das warf sie ihm vor. Immer wieder. Aber er, der nur die Sache im Auge hatte, verstand sie nicht oder verstand sie doch und wollte sie nicht verstehen. Es ist viel einfacher, etwas nicht zu verstehen, als zu diskutieren, und er hasste Diskussionen, speziell die mit seiner Frau. Weil sie die wenigen Male, als sie stattgefunden hatten, ausuferten, einmal sogar mit einer Ohrfeige.

Man hätte sich denken können, dass ihr die Ohrfeige den Rest gegeben hätte, dem war nicht so. Sie empfand die Ohrfeige wie eine Erlösung, einen Punkt, einen Abschluss.

Zwei Jahre waren sie erst verheiratet, hatten noch keine Kinder, weil Kinder erst nach einer gesicherten Laufbahn erwünscht waren. Das sagten beide. Die Frau, die nach einem Jahr schon den Kinderwunsch im Herzen trug (obwohl dieser Ausdruck kitschig ist, erlaube ich ihn mir, weil er auf diese Frau zutrifft) – also, den Kinderwunsch noch nicht auf der Zunge, wurde sie launisch, weil sie ihrem Mann nicht sagen wollte, was sie so gerne gehabt hätte. Ein Baby zwischen ihnen beiden im großen Ehebett, im „Gräbchen“, wie sie es im Geheimen nannte. Der Mann war eifrig mit seiner Karriere beschäftigt und bemerkte gar nicht oder wollte nicht bemerken, dass seine Frau anders war als zuvor. Sie schliefen nicht mehr miteinander, so wurde das Ehebett in ihren Gedanken zu einem Grab.

Aber einmal beim Nachtmahl, sie verwendete dieses Wort, weil es so biblisch klang, sah sie ihm verträumt in die Augen und ließ ihren Blick nicht mehr los. Er hielt es kaum aus, schließlich senkte er die Lider. Sie streichelte seine Wange und berührte sein Kinn.

„Albert“, sagte sie, „kannst du mir ehrlich sagen, ob du mich noch begehrst?“

„Was für eine Frage!“, sagte er. „Und in so einem Ambiente!“

„Sollen wir uns ins Bett legen?“, war ihre Antwort.

Er: „Es ist erst 19 Uhr?“

Sie: „Seit wann spielt die Zeit in diesem Zusammenhang eine Rolle für dich?“

Sie nahm ihn bei der Hand, beide Teller waren noch mit Essen belegt, sie hatte die Gewohnheit, den Salat ins Essen zu kippen, so dass sich Salatsoße mit der Fleischsoße vermengte, die Gläser mit Wein, er weiß, sie rot, waren noch halb voll. Sie saßen beide auf der Bettkante und sahen sich an. Filmszenen kamen ihnen in Erinnerung, ein Mann, der eine Frau leidenschaftlich umarmt, eine Frau, die dem Liebhaber das Hemd auszieht.

„Was ist los mit dir?“, fragte der Mann. „Du bist so anders.“

„Wie anders?“, fragte sie. „Wie ich war oder wie ich sein sollte?“

„Komm, sei nicht so kompliziert!“ Er schob ihren Oberkörper aufs Bett, ihre Beine sahen aus wie bei einer Turnübung.

„Mein Dickerle“, sagte er, „wir haben uns doch.“

Er hielt es kaum aus, schließlich senkte er die Lider.

monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.