„Turbokühe“ nicht alptauglich

20.04.2017 • 17:28 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Reinhard Bär (42) übt Kritik wegen teils massivem Kraftfuttereinsatz auf Alpen. Foto: L. Berchtold
Reinhard Bär (42) übt Kritik wegen teils massivem Kraftfuttereinsatz auf Alpen. Foto: L. Berchtold

Kritik aus eigenen Reihen: „Auf Alpen muss tonnenweise Kraftfutter gebracht werden.“

Andelsbuch. Er lasse sich den Mund nicht verbieten, sagt Reinhard Bär (42) und zeigt Fehlentwicklungen seiner Branche schonungslos auf. Bär ist Landwirt. Auf seinem Hof hat er 23 Kühe und 30 Jungtiere. Gezüchtet wird ausschließlich Original Braunvieh. Die Rasse gilt als schwer bedroht, weil die Tiere weder viel Milch geben noch für einen guten Fleisch­ertrag bekannt sind. Damit haben sie einen schweren Stand. Der Trend ist nämlich ein ganz anderer. Die Leistungskurve bei Vorarlberger Kühen kennt seit Jahren nur eine Richtung: nach oben. Die Rassen mit hoher Milchproduktion – Bär nennt sie „Turbokühe“ – würden auf Höchstleistung gezüchtet.

„Aus den Kühen wird so viel Milch herausgeholt wie nur möglich. Das geht aber nur mit einem großen Kraftfuttereinsatz“, so der Milchbauer. In einem Laufstall könne das noch funktionieren. Die Hochleistungskühe seien allerdings heute für die Alpwirtschaft unbrauchbar. So müsse tonnenweise Kraftfutter auf die Alpen gekarrt werden, weil die natürlichen Ressourcen nicht ausreichen. Die Tiere mit ihrem hohen Verbrauch würden nicht ausreichend Nahrung finden. „Ihnen kein Kraftfutter zu geben, wäre Tierquälerei“, sagt er. Es gibt also keine Alternativen.

„Soja- und genfreies Futter“

Reinhard Bär nennt Zahlen. Bis zu zehn Kilogramm Kraftfutter pro Kuh täglich, das „ist doch nicht mehr normal“. Während die Landwirtschaftskammer den grundsätzlichen Kraftfuttereinsatz auf den Alpen nicht bestätigen wollte und darauf verwies, man sei ein Beratungs- und kein Kontrollgremium, bezweifelt der zuständige Agrarlandesrat die Angaben. Würde das stimmen, wäre es sicher der falsche Weg. „Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die allermeisten Alpen unter fünf Kilogramm zufüttern. Einige auch gar nichts.“ Schwärzler sagt aber auch: „Wir stehen dazu, dass die Tiere Ergänzungsfutter bekommen, weil die Futtergrundlage gegen Ende der Alpsaison zurückgeht.“ Neu ist, dass nur mehr gen- und sojafreies Kraftfutter verwendet werden darf – sofern für die Bewirtschaftung der Alpe Fördermittel beantragt werden.

Am Kraftfutter führt offensichtlich kein Weg vorbei – zumindest trifft das auf Milchleistungsrassen zu. Und die machen in Vorarlberg den mit Abstand größten Teil aus. Eine Analyse der Bestände zeigt, dass die am meisten verbreiteten Hochleistungsrassen, „Brown Suisse“ mit 57 Prozent und „Holstein Friesian“ mit 19 Prozent, alleine mehr als drei Viertel aller Milchkühe ausmachen. „Die Milchleistung wurde in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gesteigert“, sagt Thomas Jutz, Geschäftsführer Braunvieh in der Landwirtschaftskammer. So liefert eine Milchkuh in Vorarlberg heute im Durchschnitt 7280 Liter jährlich. „Jede Kuh verursacht Arbeit, braucht Platz. Warum soll die Effizienz in der Landwirtschaft keine Rolle spielen?“, fragt Jutz. Die Landwirtschaft könne da nur mit der Menge antworten. Allerdings züchte man die Kühe mit einem höchstmöglichen Anteil an Grundfutter (Anm.: zumindest 70 Prozent). Ein zu hoher Einsatz von Kraftfutter würde betriebswirtschaftlich keinen Sinn machen.

Reinhard Bär gibt seinen Tieren gar kein Kraftfutter. „Heu, Gras, Wasser und gelegentlich etwas Salz“, zählt der 42-Jährige auf. Vor 20 Jahren hat er den Betrieb gemeinsam mit seinem Vater umgestellt. Statt einer Milchleistungsrasse steht seither Original Braunvieh im Stall. Die Kühe, die bei den Bärs ihre Hörner behalten dürfen, geben um fast ein Drittel (4900 Liter) weniger Milch. Dafür spare er sich das Geld für Ergänzungsfutter. „Mehr Kraftfutter, mehr Ertrag“ sei der falsche Weg, ist sich Bär sicher.

„Die einen haben milchbetonte Viehrassen, die anderen Fleischrassen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden“, sagt Agrarlandesrat Schwärzler. Es sei jedenfalls nicht Aufgabe der Politik, den Bauern zu sagen, welches die richtige Kuh für sie sei.

Wir stehen dazu, dass Tiere Ergänzungsfutter bekommen.

Erich Schwärzler, Landesrat

Der Glaube: mehr Kraftftutter, mehr Ertrag ist der falsche Weg. Mehr Kraftfutter heißt mehr Kosten.

Reinhard Bär

Am Samstag, 9.30 Uhr, findet in Andelsbuch am Hof der Familie Bär im Rahmen eines Fests eine Original-Braunvieh-Ausstellung statt.