Plädoyer für das Leben

25.04.2017 • 16:59 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Gerhard Häfele nimmt auch am Palliativkongress teil, der morgen, Donnerstag, im Festspielhaus beginnt.  Foto: vn/mm
Gerhard Häfele nimmt auch am Palliativkongress teil, der morgen, Donnerstag, im Festspielhaus beginnt. Foto: vn/mm

Als Krankenhausseelsorger ist Gerhard Häfele fast täglich mit Sterben konfrontiert.

hohenems. (VN-mm) Gerhard Häfele war ein Weltenbummler. Er absolvierte sein Theologie- und Philosophiestudium im Ausland, und die Ferne machte aus ihm das, was er heute ist, einen Krankenhausseelsorger. Das einschneidende Erlebnis passierte in Kalkutta, wo der Hohenemser gemeinsam mit einem Arzt in einem Sterbehaus arbeitete. „Eines Tages lag ein Mann mit einem gebrochenen Schlüsselbein vor der Tür“, erzählt Gerhard Häfele. „Er wird sterben“, sagte eine Schwester. „An so etwas stirbt man nicht“, entgegnete der Arzt und erklärte der Schwester, was er für die Behandlung braucht. Doch nichts davon war vorhanden. Tatenlos zusehen zu müssen, wie jemand an etwas Heilbarem stirbt, wies ihm die Richtung. „Da ist mir bewusst geworden, dass trotz Hightech und Intensivstationen irgendwann der Moment kommt, an dem nichts mehr geht. Gleichzeitig stellte sich die Frage, was danach kommt.“

Mehr Lebenshilfe

Als Krankenhausseelsorger versucht Gerhard Häfele, darauf Antworten zu finden. Zuerst arbeitete er in den Landeskrankenhäusern Feldkirch und Rankweil. Inzwischen ist er im Landeskrankenhaus Hohenems tätig, und da vor allem auf der Palliativstation. „Ich maße mir nicht an zu wissen, wie das Sterben gehen soll. Denn ich lebe noch. Doch wenn ich Sterbende als Lebende betrachte, geht es vielleicht weniger um Sterbehilfe als um Lebenshilfe“, meint Häfele. Wenn es zum Leben mehr Mut braucht als zum Sterben, ist es für ihn wichtig, Menschen nicht alleine zu lassen, Kontakt zu halten, gemeinsam mit ihnen zu schauen, was ihr Leben in dem Moment stützen kann. „Mit den Betroffenen frage ich mich immer wieder, was kann helfen um, wie es Horst Köhler, der ehemalige deutsche Bundespräsident für mich so trefflich formulierte, nicht durch die Hand, sondern an der Hand eines Menschen zu sterben“, erklärt er seine Sicht auf ein ebenso schwieriges wie sensibles Thema.

Kein Versagen

Das auszuhalten, sei nicht immer einfach, räumt Gerhard Häfele ein. Ihm hilft dann das Wissen, dass es Situationen gibt, denen man eben ohnmächtig gegenübersteht und Angst haben darf. „Aber ich musste auch erst lernen, dass beides zum Leben gehört.“ Häfele vergleicht seine Tätigkeit mit der einer Hebamme. „Da sein, selbst wenn man am Vorgang nichts ändern kann.“ Es sei kein Versagen, an die eigenen Grenzen zu stoßen. „Wichtig ist nur, zu bleiben“, hat er für sich entschieden. Denn die größte Angst eines Sterbenden ist jene, keinen Wert mehr zu haben. „Es sind oft nicht die Schmerzen, die den Wunsch nach dem Tod begründen“, weiß Gerhard Häfele. Vielmehr sind es Fragen nach dem Sinn, den das Leben jetzt noch hat. Doch die Antwort darauf muss erarbeitet werden. Dafür gibt es keine Medikamente. Zeit ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Gut. Auf der Palliativstation hat er diese Zeit und die Möglichkeit, sich selbst Freiraum zuzugestehen. „Das Arbeiten im Team erlaubt es, sich zurückzunehmen, wenn es einem einmal nicht so gut geht“, merkt Häfele dankbar an.

Ihm hilft aber auch die Natur, die beinahe tägliche Beschäftigung mit dem Tod zu verarbeiten. Beim Laufen kann Gerhard Häfele vieles hinter sich lassen. Ebenso pflegt er bewusst Hobbys, die mit dem Leben zu tun haben. Im Garten und beim Holzen im Wald spürt er sich, spürt das Dasein. Dann ist da noch seine zehnjährige Adoptivtochter aus Äthiopien. „Unser Sonnenschein“, nennt er sie liebevoll.

Ich maße mir nicht an zu wissen, wie Sterben gehen soll.

Gerhard Häfele

Zur Person

Gerhard Häfele

Geboren: 18. Jänner 1963 in Hohenems

Wohnort: Hohenems

Familienstand: verheiratet, 1 Tochter

Beruf: Krankenhausseelsorger und Pastoralassistent

Hobbys: Natur, Garten, Holzen