Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Erik(A) – Der Sieger

26.04.2017 • 16:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Schon 50 Jahre lang begleitet mich die Geschichte. Ich habe damals in den 60ern Erika Schineggers Rennen gesehen, alle, die übertragen wurden, habe ihr/sein Outing verfolgt und seine Bio gelesen. Ich war ein Fan von Erika und nicht minder erschüttert und erstaunt über Erik. Ein unscheinbares, ambitioniertes Kärntner Bauernmädel schafft es in die Headlines der Weltpresse, zuerst als Topsportlerin und schließlich als skurriles Unikum, dem die Natur übel mitgespielt hatte. Seine Genitalien waren ins Körperinnere gewachsen und erst moderne Genderuntersuchungen konnten das wahre Geschlecht klären.

Ein Mann war also Weltmeisterin geworden! Topstory auf allen Kanälen, kein verrückter Schwank aus Hollywood, sondern nüchterne Wirklichkeit, eine sehr österreichische Geschichte über Tabus und Verdrängung, Verlogenheit und Niedertracht, Siegeswillen und Erlösung, Triumph und Niederlage. Ausgerechnet in Österreich, dem heiligen Gral des Skirennlaufs, musste dieser Super-GAU an schiefer Optik passieren. Der mächtige Skiverband, der eine gemeißelte Reputation zu verlieren hatte, sah sich plötzlich kompromittierenden Fragen ausgesetzt. Wer wusste wie viel? Wurde absichtlich betrogen? Nein. Wie die Jungfrau zum Kind, so geriet der ahnungslose ÖSV in die Bredouille.

Da strampelt sich ein ehrgeiziges Mädchen mit Burschenmuskeln bis hin zum Gipfel des Olymps und wird dann „enttarnt“ als vermeintlicher Betrüger und mit nassen Fetzen ins Ausgedinge gejagt, ein Opfer ohne jede Schuld, von einem mächtigen Apparat und einer gnadenlosen Journaille über die Medienbühne geschleift – das ist eine Geschichte, die erzählt werden muss. Ich habe die Ehre, Erik(a)s Leben auf Kinoleinwand zu bannen. Soeben ist die letzte Klappe geschlagen, Frau Ammann war beim Dreh dabei und hat geschwankt zwischen Weinen und einem Lachen, das immer wieder im Halse steckenblieb, gebeutelt von der Achterbahnfahrt eines jungen Sportlerlebens, das nach rasender Fahrt plötzlich vor dem Abgrund steht.

Wir haben Erik(a) hautnah begleitet, einen vermeintlich gebrochenen Helden, vom Gipfelsieg bis zur Hinrichtung durch eine hilflose Gesellschaft, die von ihren Tabus entlarvt wird, und dahinter eine Geschichte von Vorurteilen und Scheinheiligkeit, ausgetragen auf den Schultern eines stigmatisierten Teenagers, der nur eines wollte: schnell Ski fahren.

Ich war ein Fan von Erika und nicht minder erschüttert und erstaunt über Erik.

reinhold.bilgeri@vn.at
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher,
er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.