Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Die Greisin

02.05.2017 • 16:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Greisin saß in ihrem Ohrensessel und schaute auf den Apfelbaum vor dem Fenster. Dort, weit oben, saß ein Vogel, und sie dachte sich, der sitzt, als wäre er festgeklebt. Er ist schon gestern dort gesessen. Wahrscheinlich eine Amsel. Die Greisin schaute und wunderte sich, nahm ihre Brille ab und zog sie wieder an.

Sie hörte den Schlüssel im Schloss. Ihr Sohn stand vor ihr.

„Wer bist jetzt du?“, fragte sie. „Bist du ein Zehnerjahrgang?“ Sie selber war ein Zwanzigerjahrgang.

„Ich könnte ja deine Mutter sein“, sagte sie, „so jung wie du aussiehst.“

„Ich bin dein Sohn“, sagte er.

Sie schaute ihn ungläubig an. „Und woher kommst du?“

Sie hörte nicht auf seine Antwort. Sie nickte kurz ein und schreckte auf, als ihr Sohn sagte: „Die Maria ist gestorben.“

„Welche Maria?“

„Deine Schwester, sie ist gestorben.“

„Du lieber Gott“, sagte die Greisin, „da muss ich gleich die Hilde anrufen.“

„Die Hilde ist vor zwei Jahren gestorben“, sagte ihr Sohn.

„Die Hilde ist gestorben? Da muss ich gleich die Maria anrufen.“

„Die Maria ist auch gestorben, zwei Jahre nach der Hilde“, sagte ihr Sohn geduldig.

„Was ist das für eine Sterberei“, sagte die Greisin, und ohne den Gedanken weiterzuführen, hob sie die Hand und zeigte auf den Apfelbaum, hob ihre Hand ein wenig höher und zeigte auf den Vogel auf dem Apfelbaum.

„Der ist immer da“, sagte sie. „Wenn ich aufstehe, wenn ich ins Bett gehe, der ist festgeklebt. Kannst du ihn herunterholen?“

„Mutter“, sagte der Sohn, „das ist eine Amsel, die sich ausruht, so wie du dich ausruhst vom langen Leben, sie ist einfach nur müde.“

„Hol sie mir“, sagte die Greisin, „ich will sie haben.“

Der Sohn öffnete die Wohnzimmertür und ging hinaus in den Garten. Er schüttelte am Stamm, und der Vogel flog davon.

Die Greisin sagte: „Jetzt hast du alles kaputt gemacht. Du machst immer alles kaputt!“

„Weißt du noch, Mutter“, sagte der Sohn, „wie gern ich mit den kleinen Rennautos um die Tischbeine herumgefahren bin und mit dem Mund ein Autogeräusch gemacht habe. Bremsen und Beschleunigen.“ Er wollte sie ablenken, aber es gelang ihm nicht.

„Hol sofort den Vogel und setz ihn wieder dorthin, wo er hingehört!“, befahl die Greisin. Ihre Stimme brach, weil sie nicht mehr laut sein konnte. Die Wolldecke rutschte ihr von den Knien. Der Sohn hob sie auf, nahm seiner Mutter die Brille ab, streichelte ihr über das wenige Haar und ging seiner Wege.

Bald darauf läutete sein Handy. Die Greisin rief ihn an. Das konnte sie also noch.

„Der Vogel sitzt wieder auf dem Apfelbaum“, sagte sie. „Du bist ein braves Kind.“

,,Jetzt hast du alles kaputt gemacht. Du machst immer alles kaputt!“

monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.