Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Eher voller Hausmeisterinnen

29.05.2017 • 18:08 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Letzte Woche war ich mit meiner Nichte eine WG-Wohnung anschauen: Das Kind will zum Studieren partout nach Wien. Schön, freut mich, kann ich ja empfehlen. Erstens Wien, zweitens Wohngemeinschaft. Der Tante bescherte es jedenfalls eine rührende Variante von Flashback. Ah, frische, unschuldige Jugend, die Nase im Wind, den Kopf voller Ideen, das Herz voller Hoffnung: Dieses Kind war man selber auch mal. Hat seine Sachen gepackt und sich aufgemacht in die große Hauptstadt. Allerdings war man um einiges mehr huschi und weniger organisiert, als es die jungen Menschen heutzutage sind. Na ja, vielleicht auch deshalb, weil es noch kein Internet mit praktischen Immo-Seiten gab, in dem man aus der Ferne nach Wohnungen suchen konnte. Damals, in dieser netzlosen Zeit, setzte man sich mit seinen Siebensachen in den Zug und verfuhr sich mit der Straßenbahn auf dem Weg zu den Freunden, bei denen man in der ersten Zeit wohnen durfte, bis man selber was gefunden haben würde: eine zwei-Zimmer-Wohnung ohne Wasser, mit einer Bassena am Gang, über einer stinkenden Fleischhauerei. Es war ein Wien, wie man es aus den frühen Kottan-Folgen kennt, eher grau, eher schmuddelig, eher voller Hausmeisterinnen in Kittelschürzen. Nicht so jung und bunt und hip wie heute. Nicht die Stadt mit der höchsten Lebensqualität. Ein Sehnsuchtsort nur für die Anecker und die Schrägen, denen es zu eng wurde im kleinen Land.

Das ist jetzt alles ganz anders. In den Wohnungen, die die jungen Menschen sich heute anschauen, haben schon WGs gewohnt und sind erwünscht, anders als damals vor 30 Jahren, als man immer einen im Sakko oder ein adrett hergerichtetes vermeintliches Paar zum Mieten vorgeschickt hat, und dann zogen mit denen zwei bis fünf weitere ein. Was natürlich zuverlässig zu Problemen führte. Einmal wohnten wir zu siebt in einer riesigen, heruntergekommenen Altbauwohnung, die von kleinen Holzöfen geheizt wurde. Über einer Arztpraxis, in der es Glühbirnen zerriss, wenn wir oben in der Wohnung Holz hackten. Ja, was! Was sollten wir denn sonst machen? Damals waren WGs nicht sehr beliebt, jedenfalls unsere. Trotzdem habe ich fast nur posititive Erinnerungen an die sechs oder sieben Jahre, die ich in WGs gewohnt habe: Die perfekte Lebensform für junge Leute, die neu in einer Stadt ankommen. Man teilt sich Wohnraum, Lebensfreude, Musik und Freunde, und wenn man abends nach Hause kommt, ist immer jemand da. Der Jemand hat vielleicht das letzte Joghurt aus dem Kühlschrank aufgegessen und sich schon wieder nicht an den Putzplan gehalten, aber man ist nicht allein.

Es war ein Wien, wie man es aus den frühen Kottan-Folgen kennt.

doris.knecht@vn.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.