Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Alles ist offen

Vorarlberg / 02.06.2017 • 17:26 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Man soll das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist. Wie wahr: Nachdem Sebastian Kurz die ÖVP übernommen hat und nun auch in die Nationalratswahl führen wird, vergessen das ein paar Funktionäre seiner Partei allzu leicht. Selbst „Profis“ darunter, wie der oberösterreichische Landesgeschäftsführer Wolfgang Hattmannsdorfer, sehen ihn bereits an der Regierungsspitze, während Christian Kerns Kanzlertage gezählt und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in den Geschichtsbüchern verschwunden sei, wie der Übermütige auf Twitter verkündete.

Vielleicht sind Weisheiten, wie eben jene vom Fell des Bären, zu abstrakt und können daher keine Wirkung entfalten. Sehr wahrscheinlich verdeutlichen ein paar praktische Beispiele eher, dass dieser Urnengang am 15. Oktober und alles Weitere erst danach entschieden wird: Die britische Premierministerin Theresa May ist als haushohe Favoritin in die bevorstehenden Unterhauswahlen gegangen, die sie noch dazu selbst ausgerufen hatte. Anfang Mai lag sie mit ihrer Partei um gut 20 Prozentpunkte vorne. Seither hat sich der Vorsprung zumindest halbiert, laut einer aktuellen Umfrage ist er gar auf nur ein Viertel geschrumpft. Aber mit Umfragen ist das andererseits ja so eine Sache: Unmittelbar vor der ersten Bundespräsidentenwahl wurden FPÖ-Kandidat Norbert Hofer im vergangenen Jahr maximal 24 Prozent ausgewiesen; erreicht hat er 35.

Was alle vorsichtig machen sollte, ist, dass entscheidende Dynamiken vollkommen unabsehbar sind. Davon kann man nur eine Ahnung haben. Auffallend ist etwa, dass sich die Stimmungslage im Land gerade aufhellt. Die Österreicher fühlen sich besser. Kein Wunder: Summa summarum geht es ihnen auch besser: Die Konjunktur hat angezogen, die Arbeitslosigkeit sinkt, es werden mehr Urlaube gebucht etc. Das ist grundsätzlich gut für Politiker, die konstruktiv sind, und schlecht für jene, die mit Horrorszenarien arbeiten. Eigentlich also etwas sehr Erfreuliches, aber eben nur eine Momentaufnahme. Es kann sich wieder ändern.

Der eine oder andere Spitzenkandidat versucht natürlich auch selbst, Dynamiken auszulösen. Eine Boulevardzeitung berichtete gerade, dass Schwarz-Blau so gut wie fix sei. Namentlich zitiert wurde dazu Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ). Das jedoch sollte man als das bewerten, was es ist: Der Versuch, einen Lagerwahlkampf auszulösen. Die Devise aus roter Sicht lautet dabei: Wer Heinz-Christian Strache in der Regierung verhindern will, muss Kern stärken. Ähnliches brachte Alexander Van der Bellen in die Hofburg: Sein Erfolg beruhte darauf, dass so viele Hofer nicht wollten. Ähnliches kann wieder aufgehen, muss aber nicht. Es ist alles offen. Kein Mensch kann daher wissen, wie die Wahl ausgehen wird.

Warum kein Mensch wissen kann, wie die Nationalratswahl am 15. Oktober ausgehen wird.

johannes.huber@vn.at
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Analysen und Hintergründe zur Politik.