Kirchenasyl für Fledermäuse

Vorarlberg / 12.06.2017 • 21:23 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Im Dachraum der Kirche haben die Fledermäuse ein ruhiges Plätzchen gefunden. VN/Paulitsch, Dietmar Nill
Im Dachraum der Kirche haben die Fledermäuse ein ruhiges Plätzchen gefunden. VN/Paulitsch, Dietmar Nill

Die Propstei in St. Gerold ist ein Ort, wo fliegende Säuger in Ruhe abhängen können.

St. Gerold. Schnellen Schrittes steigt Hans Walser in der Propstei St. Gerold über die Stufen in Richtung Dachgeschoß. „Da oben wohnt ein Großes-Mausohr-Männchen“, sagt der 57-Jährige und zeigt auf einen verputzten Kamin. Beim Großen Mausohr handelt es sich um die größte heimische Fledermaus-Art. Die „Kirchenfledermäuse“ haben eine Flügelspannweite von bis zu 40 Zentimetern. Hans Walser ist seit rund 15 Jahren Fledermausbeauftragter des Landes und kennt sich dementsprechend mit den fliegenden Säugern bestens aus. „In Vorarlberg sind bisher 22 Fledermaus-Arten nachgewiesen worden“, erzählt er.

Eine Art scheint es dem Experten besonders angetan zu haben. Nämlich die stark bedrohte sogenannte Kleine Hufeisennase. Die Tiere zählen mit einer maximalen Flügelspannweite von 25 Zentimetern und einem Gewicht von rund sechs Gramm zu den kleinsten Fledermäusen. „Hier in der Propstei in St. Gerold befindet sich die größte Kolonie Vorarlbergs – wenn nicht gar ganz Österreichs“, erklärt der Experte und schreitet über die Dielen in Richtung einer Fensterluke, welche sich am Ende des großen Raumes befindet und ein wenig Licht ins Dunkel des Dachbodens bringt.

Einmal pro Jahr stellt sich der Herr der Fledermäuse ans Fenster und zählt die Tiere mit dem hufeisenförmigen Nasenaufsatz. „Die Kleine Hufeisennase ist stark bedroht. Zwischen 1960 und 1980 kam der große Zusammenbruch“,

erzählt der Experte. Grund für den Bestandsrückgang

sei unter anderem der Einsatz des Insektizids DDT gewesen.

Wichtig für Wiederbesiedlung

Vor 15 Jahren zählte Walser im Dachraum der Kirche in St. Gerold rund 80 Tiere. In den vergangenen Jahren hat sich der Bestand der geschützten Tiere mindestens vervierfacht. „Rund 440 dürften es inzwischen wieder sein. Das zeigt, dass die Natur intakt ist. Und da die Kleine Hufeisennase doch in den Nachbarländern teilweise ausgestorben ist, ist diese Kolonie wichtig für die Wiederbesiedlung“, sagt der Fledermausbeauftragte, knipst seine Taschenlampe an und lässt den Lichtkegel nach oben schweifen. Zahlreiche Tiere mit braunem Fell baumeln an der Decke. Einzelne kleine Fledermäuse gleiten lautlos durch die Luft. „Mindestens zwei Drittel der Muttertiere, die wir hier sehen, sind trächtig und bekommen in etwa drei Wochen ihre Jungen“, erklärt Walser. Die Kleinen sind dann etwa eineinhalb Zentimeter lang. Sie entwickeln sich aber so schnell, dass sie nach etwa vier Wochen flugfähig sind und dann bereits ohne ihre Mutter auf die Jagd gehen können.

Die Wochenstuben der Kleinen Hufeisennasen befinden sich vor allem in Dachböden mit großen Ein- und Ausflugsmöglichkeiten. Da die Tiere für die Aufzucht Wärme brauchen, hat Walser für sie ein Heizpaneel eingebaut. Davor hatten sich die Fledermäuse versteckt und in einen Hohlraum unter dem Dach sowie unter einem Zimmer zurückgezogen. Fledermäuse könnten allerdings nicht wie Frösche ganz einfach in einen anderen Teich beziehungsweise an einen anderen Ort umgesiedelt werden. Deshalb das Paneel. Und diese Idee hat augenscheinlich funktioniert.

Herz für Tiere

„Gäbe es die Kolonie nicht mehr, würde es wahrscheinlich niemandem auffallen“, bedauert Walser. Für den Naturliebhaber und ehemaligen Volksschullehrer sind Fledermäuse äußerst liebenswerte Tiere. „Sie gehören einfach zur Familie. Jedes Tier hat seinen Platz, und je größer die Artenvielfalt, desto besser“, ist er sich sicher und fügt hinzu: „Sie fressen Insekten und richten keinen Schaden an.“

Die Angst vor Fledermäusen im Haar sei ebenso unbegründet. „Das wurde früher den Mädchen erzählt, damit sie vor Einbruch der Dunkelheit heimkommen“, meint der 57-Jährige und schmunzelt. Nur bei einer großen Schar könnte es vielleicht passieren, dass sich ein Tier in der Haarpracht verirrt.

Der Fledermaus-Experte lässt noch einmal den Blick über die Decke schweifen und macht sich kurz noch auf die Suche nach dem Großen Mausohr, das sich versteckt hat. Denn die Männchen sind Einzelgänger. „Er ist noch da“, verkündet Walser. Dann eilt er die Stufen wieder hinab und verlässt die Propstei mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Im Land sind 22 Fledermaus-Arten nachgewiesen worden.

Hans Walser

Stichwort

Kleine Hufeisennase. Die Kleine Hufeisennase zählt zu den gefährdeten Arten. Ihre Körpergröße beträgt circa sieben bis acht Zentimeter. Beim Flug beträgt die Spannweite der Flügel bis zu 25 Zentimeter. Ihre Name bezieht sich auf den Nasenaufsatz, der die Form eines Hufeisens hat. Die Tiere verkriechen sich nicht in Spalten. Die Wochenstuben befinden sich vor allem in Dachböden mit großen Ein- und Ausflugsmöglichkeiten.