Kein Milchkrieg mehr!

Vorarlberg / 14.06.2017 • 17:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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In Wien kam es während der Fronleichnamsprozession zum Eklat. Es war ein schöner Tag im Jahr 1578. Das Wetter hatte gepasst. Am Graben, wo der wichtigste Markt im Umkreis stattfand, hatten die Marktweiber ihre Waren aufgebaut. Ein Großteil der Bevölkerung war bereits der Lehre Martin Luthers zugetan. Aber Kaiser Rudolf II. wollte dieser neuen, angeblich unsinnigen Religion unbedingt Einhalt gebieten und ordnete an diesem „erzkatholischen“ Tag demonstrativ die Fronleichnamsprozession an. Soldaten erhielten den Auftrag, den Platz frei zu machen. Es kam zum Tumult. Marktbuden stürzten um, Milchkannen gingen zu Bruch. Es wurden Waffen gezogen. Geistliche ließen Monstranz und Baldachin fallen und flüchteten in den Stephansdom und – so wird berichtet – der päpstliche Nuntius entleerte aus lauter Angst seinen Darm. Der Überlieferung nach soll der Kaiser, der bei der Prozession anwesend war, ruhig geblieben sein und dafür gesorgt haben, dass trotz des „Milchkrieges“ die Prozession zu Ende gebracht werden konnte. Weitere gegenreformatorische Maßnahmen hatten zur Folge, dass „die Pest der Ketzerei“ ein paar Jahrzehnte später als ausgemerzt galt.

Wäschewaschen und
Teppichklopfen

Nicht immer und überall ging es so heftig zu. Evangelische Frauen rebellierten mit Wäschewaschen am Fronleichnamstag. Für Luther war es ein „schändliches Fest“, weil darüber nichts in der Bibel steht und man das Sakrament schmäht, in dem man es zum Schauspiel herumträgt. Umgekehrt verachteten die Katholiken den Karfreitag, weil sie ihn für echt evangelisch hielten. Viele katholische Frauen klopften an diesem Tag ihre Teppiche aus. Auch Jauche wurde akkurat an den jeweiligen Feiertagen gegenseitig auf die Felder ausgebracht.

Unterschiedliche Ansichten

Hinter den Auseinandersetzungen steht ein unterschiedliches Verständnis vom Abendmahl. Für die katholische Kirche wandeln sich Brot und Wein in der Eucharistie in den Leib und das Blut Christi. An Fronleichnam wird die gewandelte Hostie als Leib des Herrn in feierlicher Prozession durch die Straßen und Felder getragen. Luther glaubte ebenfalls an die reale Gegenwart Christi beim Abendmahl. Aber er lehnte Spekulationen über die Art seiner Präsenz ab. Die Gläubigen nehmen Christus auf „in, mit und unter Brot und Wein“. Er ist in seinem Geheimnis gegenwärtig, aber er lässt sich nicht fassen, noch auf eine Stelle bannen. In vielen Städten und Orten feiern Evangelische heute das „Gustav-Adolf-Fest“, genannt nach dem schwedischen König Gustav II. Adolf, der als durch sein Eingreifen in den 30-jährigen Krieg „Retter des Protestantismus“ gilt. Der Gustav-Adolf-Verein tritt allerdings nicht kämpferisch auf, sondern unterstützt Bauvorhaben evangelischer Gemeinden, die finanziell dazu nicht in der Lage sind. Die Feste, die traditionell zu Fronleichnam in allen Bundesländern – außer in Vorarlberg – als „Evangelische Kirchentage“ stattfinden, erfreuen sich großer Beliebtheit. Hier im Land erinnert man sich allerdings nicht gerne an die Schweden, die im 30-jährigen Krieg die Stadt Bregenz erobert und geplündert haben.

Keine Konkurrenz

Heute eignet sich Fronleichnam nicht mehr zum konfessionellen Streit. Es gibt wohl verschiedene Frömmigkeitsstile – gleichsam Glaubensdialekte – die aber nicht gegeneinander auszuspielen sind. Die Begabung der einen dient der Schwäche der anderen. Wir brauchen einander. Die Unterschiede sollen nicht verwischt werden. Es geht nicht um Gleichmacherei, sondern um Einssein in Christus.

Katholiken können während ihrer Prozession Halt machen in einer evangelischen Kirche und dort einen Choral anstimmen und Bibelworte lesen. Evangelische können sich mitnehmen lassen auf den Weg durch die Dörfer und Fluren, weil Glauben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt.

Wolfgang Olschbaur, evangelischer Pfarrer i. R., Schwarzach.
Wolfgang Olschbaur, evangelischer Pfarrer i. R., Schwarzach.