Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Terrorismus und Religion

Vorarlberg / 14.06.2017 • 18:40 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Auf die Frage nach den Gründen für den islamistischen Terror erhalten wir von vielen Experten die Antwort, dieser habe mit Religion „überhaupt nichts“ zu tun. Selbst wenn die Attentäter, wie kürzlich beim Anschlag in London, noch während ihrer grauenhaften Attacken religiöse Parolen hinausschreien, hätten sie – so die Fachleute – eine ganz andere Motivation. Solche gut gemeinten Analysen nehmen die Attentäter nicht ernst und sind kriminalpsychologisch falsch. Zwar beruhen komplexe Phänomene wie Gewalt, Krieg und Terror immer auf vielen Ursachen. Man kann aber den ideologisch-religiösen Aspekt nicht einfach verdrängen. Wer möchte wohl behaupten, die Kreuzzüge oder der 30-jährige Krieg hätten nicht den geringsten Bezug zu den Konfessionen gehabt?

Tatsächlich werden die Religionen oft als Rechtfertigung für extremistische Akte missbraucht. Ebenso sicher lassen sich aber aus jenen religiösen Lehren, die zu Gewalt aufrufen oder diese zulassen, viele bewusste und unbewusste Motive ableiten: Gewaltausübung wird moralisch legitimiert, erhält einen höheren Sinn und wird manchmal sogar zur heiligen Pflicht. Durch Berufung auf Gottes Willen entbinden sich die Täter der moralischen Verantwortung. Wenn sie sich als Märtyrer sehen, überspielen sie damit ihre Selbstwertprobleme und müssen sich mit eigenen aggressiv-sadistischen Bedürfnissen nicht auseinandersetzen. Das religiöse Versprechen auf Heilsaussichten befreit zudem von Frustration, Gekränktheit und Außenseitertum. Potenzielle Opfer werden durch Dämonisierungen ihres menschlichen Wesens beraubt, eine wichtige Voraussetzung jeglicher Art von Menschentötung. Über die religiöse Schiene können zeitlich begrenzte Konflikte in die Ewigkeit projiziert werden. Schließlich lassen religiöse Verabsolutierungen meist keine Kompromisslösungen zu. All das ist aber nur möglich, wenn die Religionen das Bild eines unerbittlichen und grausamen Gottes liefern.

Dass nun 300 Imame aus Österreich von sich aus eine Deklaration gegen den Terrorismus im Namen des Islam unterzeichnen, ist mutig und hoffnungsvoll. Allerdings müsste die Initiative weiter gehen und sich gegen jegliche theologische Rechtfertigung von Gewalt richten. Wenn die Religionen ihre zentralen Werte wie Achtung vor dem Leben, Menschenwürde, Barmherzigkeit, Frieden und das über allem anderen stehende Gebot der Liebe in den Vordergrund stellten, wären sie die wirksamste Kraft gegen sämtliche Formen menschlicher Gewalt – auch gegen den Terror.

Schließlich lassen religiöse Verabsolutierungen meist keine Kompromiss­lösungen zu.

reinhard.haller@vn.at
Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.