Fast jeder Tag eine Zerreißprobe

Vorarlberg / 18.06.2017 • 18:48 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Fast jeder Tag eine Zerreißprobe

Vorarlberger Kinderdorf und IfS-Familienarbeit helfen seit 30 Jahren benachteiligten Familien.

Bregenz. Seit 1987 unterstützen die IfS-Familienarbeit und der ambulante Familiendienst des Vorarlberger Kinderdorfs sozial benachteiligte Familien im Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe. Zum Wohl der betroffenen Kinder wird versucht, den Kreislauf von Armut, Erschöpfung, Entmutigung und fehlenden Chancen zu durchbrechen. Die Familien zu Hause aufzusuchen und vor Ort Hilfe anzubieten, stellte vor 30 Jahren einen neuen Ansatz dar. Damit wurde die Kluft zwischen freiwilligen Beratungsangeboten und der Arbeit der ehemaligen Jugendämter geschlossen.

Vielfältige Gründe

Es gibt viele Gründe, warum Familien die Unterstützung der Kinder- und Jugendhilfe benötigen. Die alltäglichen Bedürfnisse der Kinder, steigende materielle Anforderungen, fehlende Ausbildungen, der angespannte Arbeits- und Wohnungsmarkt, mangelnde gesellschaftliche Teilhabe und vieles mehr machen das Alltagsleben für Familien zur Zerreißprobe. „Jene Familien, in denen das Wohl der Kinder gefährdet war, waren der Kinder- und Jugendhilfe bekannt“, erklärt Maria Feurstein, Geschäftsführerin der IfS-Familienarbeit. „Aber es fehlte an Ressourcen, um diese Familien intensiv und nachhaltig zu unterstützen. Deshalb beschlossen öffentliche und private Träger, im Sinne des Kindswohls zu kooperieren.“ So übernahmen im Unterland der ambulante Familiendienst des Vorarlberger Kinderdorfs und im Oberland die IfS-Familienarbeit die nachgehende Unterstützung.

„Viele Familien, mit denen wir zu tun haben, leben unter belastenden Bedingungen“, berichtet Alice Hagen-Canaval, Leiterin des ambulanten Familiendienstes und verweist auf die Ergebnisse einer internen Erhebung, in deren Rahmen Ende 2016 bei 450 landesweit begleiteten Familien die Lebensumstände genauer betrachtet wurden. In knapp der Hälfte der Familien lebt nur ein Elternteil in der Familie. 21 Prozent der Eltern haben eine psychische Erkrankung, zehn Prozent eine Suchterkrankung. Bei über 17 Prozent der Familien leidet zumindest ein Familienmitglied an einer schweren körperlichen Erkrankung. 66 Prozent der Familien leben zum Teil oder ganz von Transferleistungen, bei Alleinerziehenden sind es sogar 84 Prozent. Finanzielle Rücklagen sind unter diesen Umständen nicht vorhanden; knapp 74 Prozent der Alleinerziehenden können sich beispielsweise eine unvorhergesehene Ausgabe in der Höhe von 500 Euro nicht leisten.

Gefährdungen verringern

„Diese Bedingungen hindern das Fortkommen und die Weiterentwicklung von Kindern und ihren Eltern“, sind sich Alice Hagen-Canaval und Maria Feurstein einig. „In unserer Arbeit versuchen wir, den Kreislauf von Armut, Erschöpfung, Entmutigung und fehlenden Chancen zu durchbrechen. Wir setzen dort an, wo persönliche Ressourcen vorhanden sind und arbeiten gleichzeitig an der Verringerung von Gefährdungen. Damals wie heute steht die Verbesserung von Lebensumständen für Kinder und für Eltern im Mittelpunkt.“

Früher fehlten Ressourcen, um Familien zu unterstützen.

Maria Feurstein