Die Mindestrentnerin, die ein Paradies gefunden hat

Vorarlberg / 19.06.2017 • 20:17 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Fahrbares Schneckenhaus“ nennt Sieglinde Klien ihren alten Wohnwagen, der am Campingplatz Rohrspitz steht.  Foto: hrj
„Fahrbares Schneckenhaus“ nennt Sieglinde Klien ihren alten Wohnwagen, der am Campingplatz Rohrspitz steht. Foto: hrj

Sieglinde Klien muss auf vieles verzichten, hat aber immer einen Plan B. Und C. Und D.

rohrspitz. „Ist es das nicht ein traumhafter Ort? Ich bin hier glücklich.“ Sieglinde Klien breitet die Arme aus und schaut zufrieden auf den See. Die 60-jährige Hohenemserin hat ein „lauschiges Plätzchen“ gesucht. Gefunden hat sie ein Paradies.

Ein sonniger, warmer Nachmittag. Auf der Terrasse des Seerestaurant Rohrspitz ergötzen sich Campingplatzbewohner und Naturschutzgebietsbesucher am Ausblick auf den Bodensee. Sieglinge Klien zählt zu Ersteren. „Erst seit 10. Juni“, konkretisiert sie. An jenem Tag hat sie ihren Wohnwagen auf den Campingplatz der Salzmanns gestellt. Ihre Wohnung in Hohenems ist zurzeit verwaist.

Sieglinde Klien ist in Hohenems aufgewachsen. „In einer Großfamilie mit Oma, Opa, Tante, Onkel, Mama, Schäferhund, Katze, Hühner, Hasen“, erzählt sie. Der Vater sei ausgewandert, als sie noch ein Kind war.

Ihr Berufswunsch war Lehrerin. So absolvierte sie das Lehramt an der Pädagogischen Akademie in Feldkirch. Anschließend unterrichtete sie an der Volksschule in Satteins. Ein Jahr später und zwischenzeitlich verheiratet, meldete sich ihr erstes Kind an. Der Sohn kam 1979 zur Welt. Innerhalb der nächsten vier Jahre folgten ein weiterer Sohn und eine Tochter. „Ich wollte immer eine große Familie“, erklärt Sieglinde. „Und ich wollte mit meinem Mann alt werden.“ Doch nach acht Jahren wurde die Ehe geschieden.

Nach der Trennung zog die damals 30-Jährige mit ihren beiden jüngeren Kindern – das älteste blieb beim Vater – in eine Studenten-WG nach Innsbruck und arbeitete als Telefonseelsorgerin. Zwei Jahre später kehrte sie nach Vorarlberg zurück. In Meiningen fand sie ein neues Zuhause. Dort spielte Sieglinde mit Kindern Theater, leitete einen Chor, sang in der Kirche. „Ich bin gläubige Christin“, bekennt sie.

Alternativgärtnerin

38-jährig unterrichtete Sieglinde wieder Volksschüler. Mit 40 musste sie die Lehrtätigkeit ganz aufgeben. Grund war eine schwere Erkrankung. Inzwischen ist sie Mindestrentenbezieherin: „Mit 830 Euro monatlich muss ich auf vieles verzichten, aber irgendwas lasse ich mir einfallen, um das Beste aus meiner Situation zu machen. Ich habe immer einen Plan B. Und C. Und D.“

In ihrer Wohnung in einer Südtirolersiedlung in Hohen­ems lebt Sieglinde Klien seit 1997. Im „Garten hinter der Haustür“ hat sich die Frühpensionistin, die sich als Alternativgärtnerin bezeichnet, ein „Dschungelnest“ eingerichtet. „Ich habe Ahorn und Weiden gesetzt.“

Die Vogewosi als Vermieterin habe sich darüber gar nicht erfreut gezeigt, berichtet Sieglinde. Letztes Jahr im Frühling sei sie von der Verwaltung aufgefordert worden, die mittlerweile groß gewachsenen Bäume zu entfernen. Diese habe sie mit Hilfe von Nachbarn, jedoch schweren Herzens, gefällt. „Seitdem gibt es kein Dschungelnest und so auch kein lauschiges Plätzchen mehr“, sagt sie mit einem Seufzer. Doch ihre Sehnsucht nach einem „lauschigen Plätzchen“ ist geblieben.

Der Zufall habe sie an den Rohrspitz geführt. „Und ich stellte fest, hier gefällt es mir. Hier möchte ich sein.“ Sie erwarb einen alten, günstigen Wohnwagen und ließ ihn von einem Traktor zum Campingplatz Salzmann ziehen. „Ein bisschen dünn und schwindlig ist mein fahrbares Schneckenhaus schon, aber alles ist da“, sagt sie. „Noch hat es keine fixe Verankerung, darum wankt es wie bei Seegang.“ In der ersten Nacht habe sie das Gefühl gehabt, der Wohnwagen kippe jeden Moment um. Doch den See zu spüren, der Sonne beim Untergehen zuzuschauen und die netten Leute entschädigen sie für den anfänglich mangelhaften Wohnkomfort: „Ich bin in einem Paradies gelandet.“

Jetzt sucht Sieglinde Klien noch eine neue Wohnung: „Ich möchte ins Rheintal oder in die Nähe des Sees ziehen, wo ich mir ein kleines Naturparadies schaffen und mich mit Freuden und Leiden und bescheidenem Einkommen in Gesellschaft netter Menschen entfalten kann.“

Zur Person

Sieglinde Klien

Geboren: 12. September 1956

Wohnort: Hohenems und Rohrspitz

Laufbahn: Volksschullehrerin, Hausfrau und Mutter, Pensionistin

Familie: Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter