Kulturcafé lauscht dem lieben Augustin

Vorarlberg / 19.06.2017 • 19:11 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Historiker Christoph Volaucnik schilderte das Leben des lieben Augustin. Foto: bet
Historiker Christoph Volaucnik schilderte das Leben des lieben Augustin. Foto: bet

Historiker Christoph Volaucnik liest aus Wolfram Geißlers Bodenseeroman.

Hohenems. (VN-bet) Begeisterung im Kulturcafé: Kulturkreis-Obmann Edmund Banzer konnte zu einer Lesung aus Horst Wolfram Geißlers Roman „Der liebe Augustin“ den profunden Kenner der Bodenseeregion und Stadtarchivar von Feldkirch Christoph Volaucnik gewinnen. Der Autor Horst Wolfram Geißler (1893 – 1983) wurde 1921 durch seinen Roman „Der liebe Augustin“ berühmt, der zugleich eine Millionenauflage erreichte. „Insgesamt handelt es sich um ein wunderbar zartes, melancholisch-trauriges und dennoch lebensbejahendes Buch, dessen Handlung vor der Kulisse des wunderschönen Bodensees spielt und sowohl historische Aspekte als auch pikante Liebesgeschichten vereint“, erklärte Christoph Volaucnik einführend.

Schicksalsschläge

Um den Bodensee herum ist Augustin Sumser eine Legende. Behutsam zieht Christoph Volaucnik die gespannten Zuhörer in seinen Bann, als er das Leben des lieben Augustin zwischen der Stadtbevölkerung Lindaus und dem entrückten reichen Landadel schildert.

Der am 28. August 1777 (also an Goethes Geburtstag, wie Augustin später freudig feststellt) in Mittenwald geborene August Sumser lernt seinen Vater nie kennen, denn der wird beim Wildern erschossen. Seine Mutter wird von einem Pferdefuhrwerk überfahren, sie stirbt noch am Tag des Unfalls. Vorläufig kommt Augustin bei einer Bauernfamilie im Ort unter, bald holt ihn aber ein Onkel, der Bruder seiner Mutter, ab und nimmt ihn mit an den Bodensee, nach Wasserburg bei Lindau. Dieser Onkel ist Pfarrer, er nimmt den Buben herzlich auf und sorgt für seine Erziehung. Hier muss er bei Null anfangen, Augustin kann noch gar nichts.

Flucht aus dem Seminar

Als er das richtige Alter erreicht hat, besorgt der Oheim ihm eine Freistelle im Meersburger Stift. Ganz überraschend stirbt der Onkel mit nur fünfzig Jahren – Augustin ist nun völlig alleine.

Er will nicht Pfarrer werden, im Stift gefällt es ihm auch nicht. Er flieht. Zufällig macht er auf seiner Wanderschaft nach Mittenwald – wo er das Geigenbauerhandwerk erlernt – die Bekanntschaft einer englischen Lady, die eine Spieldose dabei hat, und plötzlich wird ihm seine echte Bestimmung klar: Er will Spieldosenmacher werden.

Spieldosenmacher in Lindau

Diese Kunst führt er dann in Lindau aus, jener freien Reichsstadt, die ihn schon als Kind so beeindruckt hatte, dass er damals beschloss, eines Tages hier zu leben. Nach einer rauschenden Liebesnacht mit Mylady: „Als er aufwachte, weil ihm die Sonne auf die Nase schien, mußte er eine Entdeckung machen, dass er in Anna Holiday schrecklich verliebt sei und vorläufig an nichts anderes mehr denken könne als an sie.“ Augustin rannte zum Gasthaus, aber Mylady war bereits abgereist.

Christoph Volaucnik präsentierte die Erzählung mal mit leisen Tönen, mal impulsiv und lauter, schlagfertig, mit überraschenden Antworten und immer sympathisch gewinnend. Nach zahlreichen Affären trifft Augustin, inzwischen durch die Herstellung von Spieluhren zu Wohlstand gekommen, doch noch seine zweite große Liebe: Susanne, er heiratet und muss erneut harte Schicksalsschläge hinnehmen.

Weltpolitik

Napoleon ist dabei, die Ordnung Europas zu verändern. Und so ist die Politik bzw. der zeitgeschichtliche Hintergrund stets präsent in diesem Roman, denn auch Augustins Leben bleibt davon nicht unberührt. Er ist sogar einmal in diplomatischen Diensten unterwegs, doch der Ausflug in die Welt der Politik gefällt ihm gar nicht, denn eigentlich will er nichts anderes als seinen Frieden haben. Nicht nur die Politik bildet den Hintergrund des Romans, sondern auch eine gute Kenntnis der damaligen Literatur und des Zeitgeistes.

Jähes Ende

Dieser zeigt sich vor allem anschaulich dargestellt in einigen Personen, denen Augustin begegnet, wie z.B. dem berühmten Arzt Franz Anton Mesmer. Als ihm in Zeiten schönster Hoffnung seine geliebte Susanne wegstirbt, nimmt er auch dieses Schicksal an. Er baut weiter seine Spieldosen und wächst noch inniger denn je mit der Natur zusammen. 

Wie seine Mutter stirbt er an den Folgen eines Unfalles mit einem Fuhrwerk. Seine letzte Tat war es, ein Kind, das in den See gefallen war, vor dem Ertrinken zu retten. In der Kutsche saß eine große Dame, seine erste wirklich große
Liebe. . .

Ein melancholisches und doch lebensbejahendes Buch.

Christoph Volaucnik