Noch lange kein Auslaufmodell

Vorarlberg / 19.06.2017 • 18:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Uwe Hasenbrink, Hans-Bredow Insititut
Uwe Hasenbrink, Hans-Bredow Insititut

Is Truth Dead?“ Also: „Ist die Wahrheit tot?“ Dieser Titel prangte im März am Cover des „Time Magazine“. Eine berechtigte Frage in Zeiten, in denen der US-Präsident Journalisten, die seine Wahrnehmung von Wahrheit nicht teilen, ohne Zögern der Lüge bezichtigt.

Was ist, könnte man fragen, heute noch wahr, wenn sogar im Weißen Haus gelogen wird, gezielte Unwahrheiten der Welt frech als „alternative Fakten“ verkauft werden und Menschen gegen die „Lügenpresse“ auf die Straße gehen.

Desinformationen, also bewusst verbreitete Falschmeldungen, sowie gezieltes Verkürzen oder Weglassen von Infos – tausendfach in sozialen Netzwerken geteilt oder gelikt – setzen den Journalismus heute massiv unter Druck. Was heißt das für klassische Medien, die bisher als „vierte Macht“ oder auch als „vierte Gewalt“ im Staat auftraten? Und: Müssen wir uns vor einer desinformierten Gesellschaft fürchten?

„Vertrauenskrise!“, schreit es allerorts. Und seriöse Medien sind davon genauso wenig ausgenommen wie politische Parteien, Banken, Bildungseinrichtungen, wissenschaftliche Institutionen, die EU sowie die Demokratie insgesamt.

Uwe Hasebrink, Direktor des Hans-Bredow-Instituts für Medienforschung an der Universität Hamburg, erklärt die allgemeine Vertrauenskrise so: „Wir leben in einer Phase verstärkten gesellschaftlichen Wandels: Wachsende soziale Klüfte, neue Sicherheitsrisiken und die weiter steigende Komplexität und Unübersichtlichkeit politischer, ökonomischer, ökologischer und kultureller Zusammenhänge führen zu Verunsicherung und zu dem Eindruck, dass die gesellschaftlichen Institutionen, darunter auch die Medien, den neuen Anforderungen nicht gewachsen sind“, sagt er.

In diesem krisengebeutelten Gemenge erleben die klassischen Medien vor allem bei denjenigen einen Vertrauensverlust, „die sich in der Gesellschaft benachteiligt und ausgegrenzt fühlen und den Medien vorwerfen, dass sie allein die Perspektive des Establishments abbilden“, erklärt der Sozialpsychologe. Das – und die zunehmende Zahl von Menschen, die sich in digitalen Netzwerken orientieren und informieren, trägt dazu bei, dass traditionelle Medien schließlich auch in der allgemeinen Wahrnehmung als „Auslaufmodell“ wahrgenommen werden.

Die Statistik spricht für Österreich (noch) eine andere Sprache: Laut Reuters Institute Digital News Report 2016 nutzen hierzulande 91,4 Prozent aller Befragten traditionelle Medien wie Fernsehen, Radio und Zeitungen. 68,2 Prozent sehen darin ihre hauptsächliche Nachrichtenquelle. Jeder Zweite aber informiert sich bereits regelmäßig mittels sozialer Netzwerke und Blogs.

So weit, so gut. In puncto Vertrauen in Medien weist dieser internationale Report düstere Ergebnisse aus: 47,7 Prozent der über 55-Jährigen gaben an, man könne den meisten Nachrichtenorganisationen vertrauen. Das ist weniger als die Hälfte. Die Gruppe der 18- bis 24-jährigen Österreicher ist da skeptischer: nur 35,2 Prozent, also ein gutes Drittel, vertrauen den Inhalten von Fernsehen, Zeitungen und Radio.

In Deutschland hält laut einer Studie der Uni Mainz jeder Vierte Medien für ein „Sprachrohr der Mächtigen“.

Und: Fast jeder Fünfte glaubt, dass Menschen von Medien „systematisch belogen“ werden. Menschen, die der Politik nichts zutrauen, sind laut dieser Studie auch besonders anfällig für Verschwörungstheorien, für Misstrauen gegen etablierte Medien und für „Lügenpresse“-Vorwürfe. Ein bedrohlicher Mix, der dazu führen könne, dass sich „Menschen dauerhaft aus den demokratischen Institutionen und Meinungsbildungsprozessen ausklinken“ und sich in eine aufgebaute Parallelwelt zurückziehen. „In Österreich kann bisher nicht von einer Vertrauenskrise die Rede sein, wohl aber von einem Vertrauensverlust“, gibt Josef Trappel Entwarnung. Der Professor für Medienpolitik und Medienökonomie leitet den Fachbereich Kommunikationswissenschaft an der Universität Salzburg und sieht für den Vertrauensverlust zwei Ursachen – eine hätten klassische Medien selbst zu verantworten: „Ausgedünnte Redaktionen, lückenhafte Faktenprüfung, überdrehte Hektik als Reaktion auf Wettbewerbs- und Zeitdruck und schlicht zu wenig Geld für sorgfältige Recherchen untergraben langfristig das Vertrauen.“ Die andere Ursache ortet Trappel in der Hysterie in sozialen Netzwerken. „Die dort herrschende Beliebigkeit im Umgang mit der Wahrheit färbt auch auf die klassischen Medien ab.“

Die gute Nachricht in der krisengebeutelten Verunsicherung: „Diese ungebremsten Nachrichtenschleudern stellen eine Chance für die klassische redaktionelle Arbeit dar – als Gewähr für sorgfältigen Journalismus“, sagt Trappel. Erste Früchte seien schon sichtbar: Viele Menschen wissen nun klassischen Journalismus mehr denn je zu schätzen.

In den USA beschert Donald Trump angesehenen Medien wie CNN, „Washington Post“, „The New Yorker“ oder „New York Times“ seit seinem Amtsantritt einen Höhenflug, der sich in Traumquoten und Abo-Rekorden messen lässt. Zeitungen und Fernsehsender sind, so ironisch das auch klingen mag, Trump-Profiteure, der US-Präsident beschert ihnen Klicks und Follower. Unablässig fungieren sie als Lügendetektor seiner Politik.

Vertrauensverlust versus Nachrichtenboom. Informationsflut versus Nichtinformation. Laut einer aktuellen Studie der Universität Stanford können 82 Prozent aller Schüler in US-amerikanischen Middle Schools nicht mehr zwischen redaktionellen Inhalten und bezahlten Werbetexten oder Fake-Nachrichten unterscheiden. In Zahlen: vier von fünf.

Selbiges trifft auch auf Artikel des satirischen Online-Portals „Die Tagespresse“ zu, die noch immer nicht von der breiten Masse als Satire erkannt werden.

„Die unmittelbare Folge einer desinformierten Gesellschaft ist das subjektive Gefühl des Misstrauens. Werden Missetäter nicht zur Rechenschaft gezogen oder erfährt die Öffentlichkeit nichts davon, entsteht der Eindruck von Willkür der Mächtigen und Ohnmacht der Einzelnen“, erklärt Trappel. Das erleichtere es Populisten, ihren Anhängern ihre Interpretation von Geschehnissen einzureden. Die große Gefahr sieht Trappel darin, dass Desinformation die Informationsungleichheit weiter verstärkt. „Bleiben geprüfte und belastbare Informationen einer Elite vorbehalten und müssen sich andere mit Halbwahrheiten zufriedengeben, geht der Zusammenhalt verloren. Eine solche Informationskluft wäre für demokratisch organisierte Gesellschaften höchst unerwünscht“, erläutert der Medienpolitikexperte.

Die These einer zunehmend desinformierten Gesellschaft teilt Hasebrink nicht. „Was wir beobachten können, sind sehr weit auseinanderklaffende Informationsrepertoires.“ Es gebe Teilgruppen, die dank digitaler Medien so detailliert und umfassend informiert sind wie noch nie davor. Jene, die sich weiterhin an wenigen journalistischen Leitmedien orientieren. Und jene, die so überzeugt von einer bestimmten Meinung sind, dass sie Medien, die ihre Haltung nicht bestätigen, für desinformierend halten und alle, die sie nutzen, für desinformiert. Und es gebe jene Menschen, die sich nur sehr wenig für öffentliche Angelegenheiten interessieren und entsprechend uninformiert sind.

Empirische Untersuchungen, so der Direktor des Hans-Bredow-Instituts, würden eher dafür sprechen, dass Menschen, die auch über Social Media Nachrichten konsumieren, schätzen, dass sie auf eine größere Zahl von Quellen zurückgreifen können: „Ihnen geht es also gerade um mehr Vielfalt und nicht um die Einengung ihres Informationsspektrums.“ Diese Einengung kann bei denjenigen auftreten, die Facebook und Co. als einzige Quelle betrachten. Nachsatz: „Das sind allerdings bisher nicht allzu viele.“ Die These von Filterblasen ist, betont Hasebrink, bei Weitem nicht so gut belegt, wie das ihre Popularität in der öffentlichen Diskussion nahelege.

Was bedeutet das nun für die Medien und ihren Ruf als „vierte Macht“ oder „vierte Gewalt“, als essenzielle Säule der Demokratie? „Nicht ihr Ruf ist das Problem, sondern ihre Leistungen“, sagt Trappel.

Medien hätten gerade jetzt zwei wichtige Rollen in einer auf Entscheidungsaushandlung gegründeten demokratischen Gesellschaft: Erstens müssen die Betroffenen die Möglichkeit haben, an diesem Prozess teilzunehmen. Das geht aber nur auf der Grundlage verlässlicher Informationen. Zweitens ziehen Medien die Entscheidungsträger stellvertretend zur Verantwortung. Können Redaktionen diese Leistung aus welchem Grund auch immer nicht mehr erbringen, fallen Entscheidungen aufgrund weniger demokratischer Verfahren. „Moderne Demokratien sind auf die Öffentlichkeit als vierte Gewalt angewiesen“, betont Hasebrink. Das gilt nach wie vor. Auch wenn heute mehr Akteure an ihrer Herstellung beteiligt sind: Bürger, Parteien oder Unternehmen publizieren und verbreiten Nachrichten selbst. „Klassische Medien haben zwar ihre Monopolstellung verloren, das heißt aber nicht, dass sie an Bedeutung verloren hätten“, sagt Hasebrink. Wo müssten Medien ansetzen, um die Kluft in der Gesellschaft wieder zu kitten? Hasebrink: „Beim professionellen Journalismus.“ Der sei nämlich kein Auslaufmodell.

In Österreich kann bisher nicht von einer Vertrauens­krise die Rede sein, wohl aber von einem Vertrauensverlust.

Josef Trappel, Universität Salzburg