Es interessiert mich einen Sch*, was sich gehört

Vorarlberg / 21.06.2017 • 17:07 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Es  interessiert mich einen Sch*, was sich gehört

Jan Hinrik-Schmidt ist ein höflicher Mensch. Das ist der große Unterschied zwischen ihm und den Menschen, die er studiert, die sich aber so ungern studieren lassen. Der Medienforscher vom Hans-Bredow-Institut in Hamburg beschäftigt sich mit Trollen, die sich im Internet tummeln und mit Vorliebe pöbeln, beleidigen und provozieren. Wer steckt hinter der großen Klappe?

Warum heißen die Pöbler im Internet Trolle?

Es gibt verschiedene Erklärungen dafür. Eine, die ich für ganz schlüssig halte, lautet: Das nordische Wort Troll bezeichnete einen Riesen oder Dämonen. Trolle kommen in alten skandinavischen Geschichten vor, sind furchtbar streitsüchtig, verhalten sich gesellschaftsfeindlich und machen Reisenden das Leben schwer. Das alles stimmt auch für die Trolle im Netz.

Woran erkennt man einen Troll?

Sie wollen stören. Das ist ihr Hauptmerkmal. Trolle kommunizieren nicht verständigungsorientiert, sondern haben das Verhindern von Kommunikation zum Ziel. Das kann verschiedene Motivationen haben: Manche haben eine spielerische Lust daran, andere zu provozieren. Andere verfolgen eine bestimmte politische Agenda. Die sagen: „Ich geh jetzt ins Forum der Gegenseite, versuch’ die Leute dort aufzustacheln und dafür zu sorgen, dass die sich nicht mehr richtig austauschen können.“ Manche verdienen Geld damit. Wer aus freien Stücken trollt und wer dafür bezahlt wird, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Wir beobachten lediglich, dass jemand etwas schreibt, was nicht der Wahrheit entspricht und provoziert. Und das wird in manchen politischen Debatten strategisch eingesetzt.

Was unterscheidet berechtigte Kritik vom Trollen?

Gute Frage. Schließlich muss man nicht alles toll finden, was im Internet so geschrieben steht. Das Entscheidende ist, ob Verständigungsorientierung hinter der Kommunikation steht oder nicht. Wenn eine Person daran interessiert ist, andere Leute von ihrer Meinung zu überzeugen – auch wenn sie dies auf polemische Art und Weise versucht – wenn es im Kern aber um Austausch geht, dann ist es aus meiner Sicht kein Troll.

Welches Ziel verfolgen Trolle?

Sie wollen, dass das Gewässer kippt, in dem sie schwimmen. Wenn man sich Kommunikationsforen anschaut, reicht es oft schon, wenn einige wenige Trolle mit Wortmeldungen Diskussionsforen stören. Das bewirkt, dass sich andere gar nicht mehr zu Wort melden, weil sie das Gefühl haben: „Was ist denn hier los? Hier wird ja ganz komisch geredet. Wenn ich mich hier einbringe, verschwende ich nur Zeit.“ Und auf einmal, zack, ist die Debatte abgewürgt, obwohl vielleicht andere Interesse daran gehabt hätten. Aber das wollen die Trolle, dass sich die Vernünftigen nicht mehr zu Wort melden. Öffentlicher Austausch sollte verständigungsorientiert, demokratisch und auf konstruktive Teilhabe ausgerichtet sein. Menschen sollten sich idealerweise zu Themen, die sie interessieren, austauschen und dann versuchen, sich zu verständigen. Trolle destabilisieren diese Räume des Austauschs. Darum geht’s. Im Fall von strategisch gesteuerter Aktivität kann ein Interesse darin liegen, dass das Vertrauen in das Internet als Ort der Debatte ausgehöhlt wird, oder in Kommentarbereiche von Medien. Ein weiteres Motiv kann sein, dem politischen Gegner eins auswischen zu wollen.

Was sind das für Menschen,
die sich da auslassen?

Oft sind es solche, die ein Sendungsbewusstsein oder eine tiefsitzende politische Überzeugung haben – und ganz viel Zeit. Man stellt sich dann oft Pensionisten oder Arbeitssuchende vor, die zu bestimmten Themen oder Parteien im Internet überall hingehen und in gewisser Weise wahllos ihre Haltung und ihre Ansichten in den Äther senden, ohne darauf zu achten, ob ihre Einträge überhaupt zu dem Artikel passen oder zu den Kommentaren, die vorher schon da waren. Die meisten dieser Menschen würden sich selbst nicht als Trolle verstehen. Sie würden sagen: „Ich bringe mich ein, ich äußere mich, ich bin ein aktiver Bürger.“ Nur aus der Sicht der andern, ist das, was er tut, trollen.

Wie könnte Schädlings­bekämpfung aussehen?

Für Trolle ist es meist besonders anregend, wenn ihnen Leute widersprechen und sich die Sache hochschaukelt. Deswegen kam man zu dem Schluss: „Don’t feed the troll.“ Also: „Füttere den Troll nicht, geh gar nicht erst auf ihn ein.“ Denn das ist es, was sie wollen. Wenn wir es mit Trollen zu tun haben, die provozieren wollen, fühlen sie sich dann angestachelt und haben im Zweifel auch den längeren Atem. Sie leben von der Aufmerksamkeit. Sie ihnen zu nehmen, ist oft die größte Strafe. Das Problematische an dem Hinweis ist aber, dass es in Foren ja auch wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass es so etwas gibt wie eine Nettikette – bestimmte Hausregeln, was den Tonfall angeht. Als Administrator eines Forums ist es wichtig, sich einzuschalten, wenn Diskussionen aus dem Ruder laufen, weil Trolle sich eingemischt haben. Es ist die Aufgabe des Administrators, Kommentare zu löschen und an seiner Stelle hinzuschreiben: „Dieser Eintrag wurde gelöscht, weil unnötig provoziert wurde.“ Zum Beispiel. Das ist die andere Variante des Umgangs mit Trollen, die zugleich die positiven Werte einer Diskussion bekräftigt und zumindest ein Mindestmaß an Höflichkeit in der Kommunikation einfordert. Auf diese Art geht man inhaltlich nicht auf den Kommentar ein, sagt aber: „So wollen wir hier nicht diskutieren.“ Die Normüberschreitung wird sichtbar gemacht und andere User können sich orientieren, wie wir hier diskutieren wollen.

Sind Trolle im echten Leben
auch so destruktiv?

Lassen Sie es mich so sagen: Im echten Leben haben wir gelernt, dass es bestimmte Regeln des menschlichen Miteinanders gibt. Im Internet finden wir eine andere Situation vor, weil wir nicht von Angesicht zu Angesicht kommunizieren. Viele fühlen sich geschützt und glauben, dass das eben mal so Dahingeschriebene keine Konsequenzen hat.

Ist so ein Troll nicht
unglaublich feig?

Das ist eine zweischneidige Sache, weil die Anonymität im Netz auch dafür sorgt, dass manche Menschen sich trauen, bestimmte Sachen zu sagen. Nicht abfällige Dinge diesmal, sondern solche, die sie beschäftigen und die sie sich im realen Leben nicht auszusprechen trauen, weil es um bestimmte Stigmata geht. Um sexuelle Orientierung zum Beispiel oder um Krankheit. Diese Pseudonymität oder Anonymität im Netz ist nicht immer negativ. Im Kontext des Trollens ist es tatsächlich problematisch, dass Menschen das Gefühl haben, sie würden aus einem gewissen Schutz heraus kommunizieren. Wobei sie in der Regel immer übersehen, dass sie, wenn’s wirklich hart auf hart kommt, in vielen Fällen identifizierbar sind. Entweder weil sie wirklich so doof sind und
auf ­Facebook unter ihrem echten Namen aktiv sind und da pöbeln oder weil sie über IP-Adressen rückverfolgbar sind.

Trolle wollen, dass das Gewässer kippt.

Medienforscher