Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Neues von der Tante in Wien

26.06.2017 • 17:46 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eine Tante in Wien sollte man haben. Wer eine Tante in Wien hat, hat auch eine Unterkunft in Wien und braucht mit seinen Freunden nicht in der Jugendherberge wohnen. Bei der Tante wohnen ja auch die gleichaltrigen Cousinen, die kennen sich in ihrer Stadt aus, wissen, wo es die besten veganen Burger und die lässigsten Second-Hand-Kleiderläden gibt, wo man am Abends so rumsitzt und was man sonst so machen kann, und man hat Spaß.

 

Früher hatte die Tante in Wien auch noch eine Schreibwerkstatt, das war noch besser. Das war eine nette kleine Höhle in der Nähe von Brunnenmarkt und Yppenplatz, wo es alles gibt, was ein junger Mensch schätzt: billiges Futter (u.a. die besten Hendl-Dürüms bei dem einen kleinen Stand vor der ehemaligen Fleischhauerei Sterkl und der türkische Bäcker Trabzon, der die ganze Nacht offen hat) und einen Platz voller Lokale voller junger, hipper Menschen. Die Tante hat sich die Schreibwerkstatt gekauft, weil sie alle ihre Bücher immer am Esstisch schrieb, mit Kopfhörern über den Ohren, in denen meistens keine Musik lief, weil sie nur bedeuteten: Die Mutter ist nicht da, Essen ist im Kühlschrank. Allerdings war das den Cousinen wurscht, sie störten ihre Mutter trotzdem und verlangten warmes Essen. Die Tante legte sich also diesen stillen Raum am Markt zu, um dort ungestört wunderbare Gedanken zu denken und schöne Sätze in den Computer hineinzuformulieren. Leider schrieb sie in dem schönen stillen Raum keinen einzigen Satz mehr oder schöner als am alten Esstisch und hatte auch nicht einen klugen Gedanken mehr als zuvor. Jetzt sitzt sie wieder am Esstisch, deutet auf den Kühlschrank, und hat die Schreibwerkstatt an ein junges Paar vermietet, tja, schade.)

 

Zum Glück hat besagte Tante noch ein Landhaus mit einem weiteren Tisch, an dem sie sommers an den Wochenenden und in den Ferien sitzt und schreibt, in einer Laube mit Blick in den Garten, der heuer von einem freundlichen jungen Herrn gemäht wird, und einem Beet, das vorübergehend an die Nachbarin verpachtet wurde, was die Schreibeffizienz an dem Tisch erheblich erhöht. Nicht dass man nicht auch sonst noch genug Arbeit rund ums Haus sähe, die dringend zu erledigen wäre, und die einem vom Schreiben abhält, aber.

Jedenfalls kann man, wenn die Tante in ihrem Waldviertler Landidyll sitzt, mit Freundinnen und Freunden ihre Wohnung in der großen Wienerstadt benutzen, das ist sehr praktisch, auch für die Tante, weil dann ihr Balkon gegossen wird. Danke, liebe Nichten samt Freundinnen, seid auch diesen Sommer willkommen.

Früher hatte die Tante in Wien auch noch eine Schreibwerkstatt, das war noch besser.

doris.knecht@vn.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.