Zwingli, Luther und die Region

Vorarlberg / 26.06.2017 • 19:16 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Mit großem Engagement erläutert Stadtarchivar Heiner Stauder die spannende Geschichte der Reformation in Lindau. Foto: Tost
Mit großem Engagement erläutert Stadtarchivar Heiner Stauder die spannende Geschichte der Reformation in Lindau. Foto: Tost

VHS Hohenems auf lehrreicher Reise nach Lindau zum Thema Reformation.

Hohenems. (bet) Bei der Fahrt der VHS Hohenems begaben sich die Teilnehmer entlang eines Geschichtspfads auf die Spuren der Reformation in Lindau, um in diese bewegte Epoche der Lindauer Vergangenheit einzutauchen.

„Im südwestlichen deutschen Sprachraum fasste die Reformation bereits früh Fuß. In Lindau predigt der Franziskanermönch Michael Hug bereits seit 1523 reformatorisch, der Rat der Stadt stützt mit ihm noch weitere reformatorische Prediger“, leitete Stadtarchivar Heiner Stauder die historische Führung zu 500 Jahre Reformation in Lindau ein. 1528 lösen die Franziskaner ihr Lindauer Kloster auf. „Beim Reichstag 1530 in Augsburg unterzeichnet Lindau nicht das Augsburger Bekenntnis, sondern, zusammen mit Straßburg, Konstanz und Memmingen, die „Confessio Tetrapolitana“ – Vierstädtebekenntnis – die sich an dem Reformator Ulrich Zwingli orientiert. Zwei Jahre später schließt sich die Stadt dem Augsburger Bekenntnis an“, so Heiner Stauder weiter. Die Einführung der Reformation, insbesondere der Wechsel vom Zwinglianismus zur lutherischen Lehre, ist aufgrund von Überlieferungslücken zeitlich nicht exakt auszumachen. Durch die beiden in Wittenberg studierenden Pirmin Gasser aus Lindau und Urbanus Rhegius aus Langenargen wurden dem Mönch Michael Hug die Schriften Luthers überbracht, mit dessen Gedankengut er sich intensiv auseinandersetzte.

Erst Zwingli, dann Luther

Zwangsläufig brachte dieses Engagement für die neue Lehre Konflikte mit den altkirchlichen Kräften mit sich, die geradezu in dem Inhaber der Stephanspfarrei, Johann Fabri (Bischof von Wien, 1530-1541) personifiziert waren, der seit 1518 auch Generalvikar des Bischofs von Konstanz und seit 1521 erklärter Gegner der Reformation war.

Die folgende  Auseinandersetzung um die Person Hugos zwischen Fabri und der Stadt­obrigkeit ist beispielhaft für die Situation, die die Grundlage für das nachhaltige Eindringen der Reformation in der Reichsstadt bildete. Einerseits war sie gekennzeichnet durch Pomp, Pfründehäufung und Verweltlichung der Geistlichkeit, andererseits durch Volksfrömmigkeit, Armutsideal der predigenden Bettelmönche und den Ruf nach sozialen Reformen.

Da der Pfründeinhaber Fabri zwangsläufig seinen Pflichten als Stadtpfarrer nicht nachkam und Lindau während der Pestjahre 1519 und 1524 trotz mehrfacher Aufforderung seinen seelsorgerischen Aufgaben fernblieb, arbeitete er unabsichtlich der Reformation in die Hände. 1522 hatte er mit Zustimmung des Rats den in der Stadt beliebten Franziskanermönch Siegmund Rötlin aus Bregenz als Vikar eingesetzt, der sich jedoch  als überzeugter Anhänger Zwinglis entpuppte.

Auf die Aufforderung der Stadt, die Pfarrei an Rötlin zu übergeben, reagierte Fabri mit der Amtsenthebung Rötlins, was die Situation noch weiter polarisierte. Die damit erzwungene Entscheidung des Rats fiel zugunsten Rötlins aus, der bis zu seinem Tod 1525 im Amt blieb.

Flucht nach Lindau

1524 musste der in Bludenz geborene Thomas Gassner, der in seiner Heimatstadt Kaplan am Dominikanerkloster St. Peter war und in Hohen­ems als Pfarrer predigte, aufgrund seiner reformatorischen Tätigkeit seinen Posten aufgeben und nach Lindau flüchten. Seine Trauung mit der katholischen Stiftsdame Katharina von Ramschwag 1527 war eine Provokation.

Ähnliches gilt für den Feldkircher Jeremias Lins, der 1527 nach Lindau kam und ebenfalls das Amt des „Prädikanten“ ausübte. Dieser hatte in Freiburg studiert, war Priester des Johanniterordens und predigte in Tisis ab 1523 so zwinglianisch, dass er nach mehreren Zusammenstößen mit seinen Vorgesetzten diesen Posten aufgab und nach Lindau übersiedelte.

Reformator Lindaus

Nach dem frühen Tod der ersten Reformatoren Hugo und Rötlin übernahm Thomas Gassner die kirchlich-theologische Führung der Stadt. Er ist als der eigentliche Reformator Lindaus anzusehen. Die zwinglianische Tendenz der Lindauer Reformation ist neben den theologischen Argumenten des Schweizers sicher auch in der geografischen Nähe Zürichs zu sehen und hierbei auch im Bemühen Zwinglis um die oberdeutschen Städte. Politisch gesehen versuchte er Brückenköpfe gegen Österreich zu bilden, wobei er sich besonders um Straßburg, Konstanz und Lindau bemühte.

Protestantische Strenge

In Lindau machte man sich rasch an den inneren Ausbau der Reformation. „1533 wurde eine Zucht- und eine Armenordnung erlassen, die das öffentliche Leben in einem streng protestantischen Sinne regeln sollte.

Die härteste dieser Maßnahmen war zweifellos die Abschaffung der Messe im Stift und den dazugehörigen Gemeinden auf dem Festland, was 1534 und 1538 beinahe zu einer militärischen Aktion gegen Lindau geführt hätte, aber beide Male nach der Bündniszusage des „Schmalkandischen Bundes“ wegen der zu großen Gefahr eines allgemeinen Krieges unterblieb“, erläutert Heiner Straub das damalige Geschehen.         

Im hiesigen Sprachraum fasste die Reformation bereits früh Fuß.

Heiner Stauder
Die Teilnehmer des Ausflugs der VHS Hohenems lernten viel über die Reformatoren zwischen Bludenz und Lindau.
Die Teilnehmer des Ausflugs der VHS Hohenems lernten viel über die Reformatoren zwischen Bludenz und Lindau.