Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Aus dem Buch der Erinnerung (4)

Vorarlberg / 27.06.2017 • 21:08 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Am 23. Oktober 1956 brach in Ungarn der erste bewaffnete Aufstand Osteuropas gegen die Sowjetherrschaft und den Kommunismus aus. Die Intervention der sowjetischen Panzer verwandelte den Aufstand blitzschnell in einen Freiheitskampf für die nationale Unabhängigkeit.“

Es war die Zeit, als die ungarischen Flüchtlinge im Kriegsopfererholungsheim aufgenommen wurden. Alles war mehrfach besetzt, jeder Stuhl, jedes Bett, in den Betten lagen ganze Familien eng aneinander. Jedes freie Plätzchen musste ausgenutzt werden. In der Küche waren drei Köchinnen beschäftigt. Nudelwasser dampfte, Fett spritzte. Küchenmädchen putzten Gemüse und Salat. Jeden Morgen stand ein großer Lastwagen vor dem Haus, Lebensmittel wurden ausgeladen und in den Keller getragen. Mein Vater war mit einem Schreibblock dabei und zeichnete auf, was alles angekommen war.

Unsere Familie, die großzügig in fünf Räumen gewohnt hatte, wurde in zwei Zimmer aufgeteilt, Küche gab es für uns keine, das Essen kam im Speiseaufzug, von dort holten wir es ab und stellten es auf unseren Küchentisch. Es kann gar nicht gut schmecken, sagte unsere Mutter, für so viele Menschen zu kochen, muss gelernt sein und unser Personal war ein provisorisches. Ich sage „unser Personal“, als ob es etwas mit uns zu tun gehabt hätte.

In den Gängen saßen Männer, Frauen und Kinder, Bälle wurden hin- und hergeschoben. Wir schauten neugierig durch unsere Tür, trauten uns aber nicht hinauszugehen. Fremd, alles war fremd. Die ungarischen Menschen trugen Trainingshosen. Wie sie so dasaßen, sahen sie aus, als warteten sie, bis ihr Match beginnt. Es roch nach ungewaschener Kleidung und Zigarettenrauch. Meine Mutter, die sehr geruchsempfindlich war, litt darunter. Sie zündete Kerzen an und blies sie wieder aus. Sie legte Tannenzweige zum Trocknen beiseite, und als keine Feuchtigkeit mehr darin war, hielt sie ein Zündholz daran. Sie liebte den Geruch von frischen und von verbrannten Tannennadeln. Im Speisesaal hingen Blätter und darauf war geschrieben, was die Flüchtlinge am dringendsten benötigten. Es stand dort: Büstenhalter in verschiedenen Größen. Am frühen Morgen, als noch die meisten schliefen, nahm ich einen Rotstift und rahmte „Büstenhalter“ ein. Ich fand das sehr komisch.

Mein Vater, der einen Raum gehabt hatte, in dem er seine Chemie-Versuche machte und Fotos entwickelte, musste auch diesen den Flüchtlingen zur Verfügung stellen. Seine Utensilien wurden im Keller verstaut. Wir sahen ihn mit ratlosem Gesicht herumstehen. Wie gern hatte er uns Mädchen kleine Tierchen unter dem Mikroskop gezeigt. Wir hatten sie auf der Alpe in Tümpeln gesammelt, in einem Marmeladeglas verstaut und nach Hause gebracht. Das war jetzt alles vergangen und würde nie mehr so sein.

Wir schauten neugierig durch unsere Tür, trauten uns aber nicht hinauszugehen.

monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.