Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Doris Knecht hat ein neues Auto

Vorarlberg / 24.07.2017 • 16:45 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Sechzehn Jahre hat das Auto durchgehalten, mit Zwicken, Zwacken und ein paar Reparaturen. Aber es fuhr. Es war vielleicht das hässlichste Auto, das so gebaut wird, eins von diesen kistenförmigen, die man auch als Lieferwagen benutzt oder wenn man einen Pizza-Service betreibt. Das Auto sah zuletzt, so ohne Felgen, mit den diversen Kratzern und Dellen im stumpfen Lack und dem kürzlich durch ungeduldiges Reversieren abgefetzen Rückstrahler rechts, aus wie etwas, so die Teenager, das man aus einer Mülldeponie ausgebuddelt hat. Ich finde das etwas ungerecht, zumal die Müllhalde im Inneren vor allem ihnen zu verdanken war.

Plus: Das Auto ist nicht nur 200.000 Kilometer gefahren, es diente, als die Kinder klein waren, auch als Ersatz für das bei der Wiener Wohnung leider nicht zugehörige Kellerabteil und den fehlenden Kinderwagenabstellplatz. Es beherbergte erst den Zwillingswagen, dann den Buggy, dann die Laufräder, Roller, Spielzeugbuggys, Sandspielzeug, Ersatzgewand und eine Batterie von Schwimmzubehör. Ganz abgesehen von Decken, Pixie-Büchern, Filzstiften und all den Spielsachen, die man auf längeren Fahrten, zum Beispiel Richtung Ländle, halt so brauchte. Wie ich es jetzt ausräumte, fand ich in einer der eingebauten Klappboxen eine Baby-Rassel . . . Die Babys sind jetzt 15, und das Auto blieb ständig mit Gepiepe und STOPP-Geblinke auf der Autobahn stehen, der ÖAMTC kannte uns schon bei unseren Vornamen. Das Pickerl war auch fällig. Zeit, sich von der alten Kiste zu verabschieden. Zeit, sich um ein neues umzusehen.

 

Ich schaute im Netz in der Umgebung nach einem gebrauchten Kombi meiner Lieblingsmarke. Bei dem einen, der mir wegen niedriger Kilometer-Zahl und schön gepflegtem Äußeren auffiel, stand allerdings keine Wiener und auch keine niederösterreichische Postleitzahl, sondern eine, die man sehr gut kannte: aus der alten Heimat nämlich. Und dann fiel einem ein: Hallo, man hat doch einen kleinen Bruder, der sich mit Autos und gebrauchten Autos auskennt wie kein Zweiter. Der Bruder ging das Auto probefahren und schickte als Erstes ein SMS mit einem Foto von der Christophorus-Plakette am Armaturenbrett: „Immer ein gutes Zeichen bei einem Gebrauchtwagen :-)“. Dann handelte er den Verkäufer um einen schönen Batzen herunter. Dann hatte er einen Freund, der einen Service machte.

 

Ich habe jetzt ein neues Auto: einen Vorarlberger, picobello beieinander, tipptopp gepflegt. Wieder amol: Wie gut, dass man aus dem Ländle stammt.

Und den Christophorus lass ich einfach picken.

Der ÖAMTC kannte uns schon bei unseren Vornamen.

doris.knecht@vn.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.