Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Laufen ist nicht laufen

21.08.2017 • 17:28 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wenn du dann kommst, gehen wir laufen, sagten meine Schwestern. Also, exakt sagten sie: Wenn du denn kumsch, gommar gi loofa.

Ich laufe nicht, sagte ich. Wenn ich laufe, kann ich vor lauter Keuchen nicht mehr denken, und unterhalten kann ich mich beim Laufen schon gar nicht, denn beim Laufen hängt mir immer die Zunge bis zu den Knien. Aber gehen, gehen kann ich gut, sagte ich, gehen kann ich schnell, meine Fitness-App sagt, dass meine Durchschnittslauf­geschwindigkeit etwa der entspricht, mit der ich gehe.

Spitze, sagten meine Schwestern, dann gehen wir laufen, wenn du kommst.

Das passiert, wenn man seit dreißig Jahren in Wien lebt und vergessen hat, dass im Ländle lauft, wer geht, während der Xiberger rennt, wenn die Wienerin läuft.

Dann war ich da. Wir kommen in einer halben Stunde und holen dich ab, whatsappten meine Schwestern. Es war halb acht Uhr in der Früh, und es regnete. Aber es regnet, whatsappte ich zurück, wenn‘s regnet laufen wir doch nicht, oder? (In der Zwischenzeit hatte ich die korrekte Ausdrucksweise, wie man sieht, bereits verinnerlicht.) Wir schon, whatsappten die Schwestern, der Wetterbericht sagt Sonne an, aber du kannst natürlich gern liegen bleiben. Was man auch nach 30 Jahren Wien nicht verlernt hat: alemannischen Ehrgeiz und Vorarlberger Plichtgefühl: schaffa, schaffa, lauffa, lauffa. Und: uusgmacht isch uusgmacht.

 

Wir gingen also laufen. Richtiger: Wir gingen gehen, wobei das Gehen meiner Schwestern mit dem üblichen Gehen nicht zu vergleichen ist, denn es verlacht das Spazieren und verachtet das Schlendern. Irgendwo, bei den Baggerlöchern, stand auf der Straße: RETTUNG. Es gab aber keine. Wir gingen noch sieben Kilometer durch die Felder, der glühenden Sonne entgegen, die nun den Himmel hochkroch. Ich hatte meine Sonnenbrille vergessen und die Schirmkappe ausgeschlagen, die meine Mutter angeboten hatte. 13,4 Kilometer, sagte meine Fitness-App am Ende. Morgen gehen wir wieder, sagten meine Schwestern. Gern, keuchte ich.

Am nächsten Morgen hatte ich einen Schädel, vom vorabendlichen Familientreffen. Ihr habt sicher auch Kopfweh, schrieb ich um halb acht in die WhatsApp-Schwesterngruppe. Wer saufen kann, kann auch laufen, schrieben meine Schwestern, wir holen dich in einer halben Stunde ab, du kannst aber gern auch liegen bleiben. Wir liefen über den Amberg, 12,2 Kilometer. Meine Fitness-App zeigte eine Durchschnittsgeschwindigkeit an, die ein halbes km/h über meiner durchschnittlichen Laufgeschwindigkeit lag.

Danke, Mädels, schön war‘s! Nächstes Mal können wir gern auch laufen statt laufen.

Aber es regnet, whatsappte ich zurück, wenn‘s regnet laufen wir doch nicht, oder?

doris.knecht@vn.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.