Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Das ist doch eh ganz gerecht so

25.09.2017 • 16:55 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Am Wochenende hat eine Freundin ein kleines George-Bernhard-Shaw-Zitat in die Unterhaltung geworfen. Wir pressten gerade am Land Apfelsaft, wir haben da draußen viele Apfelbäume. Freunde kamen, um mitzuhelfen. Wir pressten 102 Liter unglaublich guten Saft, und zwischendrin sagte die Freundin, was George Bernard Shaw einmal gesagt haben soll: Freunde seien Gottes Entschuldigung für Verwandtschaft. Alle haben gelacht und zugestimmt, aber ich nur halbherzig, denn ich kann das nicht unterschreiben. Bei mir ist ein fabelhafter Freundeskreis ein Premium-Bonus, den ich zusätzlich zu einer famosen Verwandtschaft noch dazu spendiert bekam. Ich habe wirklich Glück.

Das Einzige, was ich an meiner lässigen Herkunftsfamilie auszusetzen hätte: Sie sind sehr reisefaul. Nein, stimmt nicht, sie reisen eh gern: Die einen fahren gern nach Italien oder fliegen an langen Wochenenden ferne Städte an. Die anderen radeln mit ihren schicken Elektrofahrrädern Hunderte Kilometer durch wadelfreundliche Landschaften. Nur zu mir kommen sie ungern. Die Einseitigkeit der Besuchsfrequenz ist eklatant. Wir Wienerinnen reisen so drei, vier Mal im Jahr ins Ländle, und die Ländler kommen so alle drei, vier Jahre nach Wien, was für sie total gerecht zu sein scheint. Und, na gut, es stimmt nicht ganz, die Oldies kommen ein bisschen öfter, wenn ihr anstrengendes, zeitraubendes Pensionisten-Dasein das zulässt, so etwa jedes zweite Jahr zwei Tage.

Meine Schwestern dagegen finden, dass es wie es ist, eh am besten sei. Ist es bei uns vielleicht nicht fein? Doch! Eh! Meine regelmäßigen Nachfragen, wann sie uns denn jetzt eigentlich endlich mal wieder besuchen, werden stets mit einem euphorischen „Ganzbald!“ beantwortet, was in etwa vergleichbar ist mit dem diplomatischen „Vielleicht später“, das meine Teenager zur Besänftigung ihrer Mutter anwenden, wenn die ihnen mit Fragen kommt, die ganz klar mit „Nie im Leben“ zu beantworten sind. Willst du ein Stück von der Parmigiana? Könntest du mal Rasen mähen?

Und meine Schwestern so: „Ganzbald!“

Aber jetzt ist eine der Nichten zum Studieren nach Wien gezogen. Und plötzlich finde ich in der Herkunftsfamilien-whatsApp-Gruppe eine Nachricht der Schwestern: Du, wir kommen übrigens übernächstes Wochenende, haben gerade den Zug gebucht. Aha! Suuuuper! Und: Schön zu wissen! Und, nein, es ist überhaupt kein Problem, meine Wochenendpläne umzumodeln und die Freunde auszuladen, die aufs Land kommen wollten, passt schon! Ich freu mich wirklich, dass ihr endlich kommt! Und ganz bald, in der Tat.

„Meine Schwestern dagegen finden, dass es wie es ist, eh am besten sei.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.