Wer flexibel arbeitet, isst gesünder

Vorarlberg / 23.10.2017 • 19:03 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wer flexibel arbeitet, isst gesünder

Vor- und Nachteile der ständigen Erreichbarkeit.

Schwarzach Das Handy ist längst so wichtig wie die Unterhose. Jeder hat es dabei, jeder benützt es ständig. Beruflich heißt es, die Mails des Chefs jederzeit zu lesen, die Anrufe der Kunden jederzeit zu sehen. Wie gefährlich ist das? Über dieses Thema diskutiert die Expertin Martina Hartner-Tiefenthaler heute, Dienstag, in Klaus. Zuvor hat sie bereits mit den VN darüber gesprochen.

 

Wann haben Sie zuletzt um Mitternacht eine E-Mail geschrieben?

Hartner-Tiefenthaler (lacht) Das ist wahrscheinlich gar nicht so lange her. Letzte Woche.

 

Was bedeutet die ständige Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit?

Hartner-Tiefenthaler Es wurde noch gar nicht so viel geforscht. Erste Belege zeigen aber, dass sie mit einer Beeinträchtigung der Gesundheit einhergeht. Wir wissen mittlerweile, dass es vor allem darum geht, ob man über die Flexibilität selbst entscheiden darf oder ob sie der Arbeitgeber vorgibt.

 

Wie kann sich das minütliche E-Mail-Checken auswirken?

Hartner-Tiefenthaler Es kann passieren, dass man ständig über die Arbeit nachdenkt. Dann kann man nicht mehr abschalten, weshalb Pausen ganz wichtig sind. Wer flexibel arbeitet, muss sich bewusst Auszeiten nehmen. Dazu braucht es selbstregulative Kompetenzen.

 

Weshalb ist das so schwierig?

Hartner-Tiefenthaler Es ist gar nicht so oft der Arbeitgeber, der durchgehende Erreichbarkeit fordert. Manchmal sehen wir schon Suchtcharakter. Ein Phänomen heißt „Fomo“, also „Fear of missing out“, die Angst, etwas zu verpassen. Man möchte immer auf dem neuesten Stand sein. Außerdem gibt es Menschen, die keinen beruflichen Nachteil wollen. Sie erhoffen sich einen Vorteil, weil sie dem Chef zeigen, dass sie motiviert sind. Außerdem entwickeln sich organisationale Normen. Wenn die Kollegen in der Abteilung immer erreichbar sind, verändert man auch selber sein Verhalten.

 

Wie sollen Unternehmer darauf reagieren?

Hartner-Tiefenthaler Ganz wichtig ist es, die Erwartungen abzuklären. Oft haben Mitarbeiter das Gefühl, dass Führungskräfte die ständige Erreichbarkeit wünschen, obwohl diese das gar nicht erwarten. Manche Chefs schreiben am Wochenende E-Mails, weil sie dann Zeit haben. Sie müssen aber klarmachen, dass ihre Mitarbeiter deshalb nicht auch am Wochenende antworten müssen.

 

Ist flexibles Arbeiten also eher etwas für Führungskräfte?

Hartner-Tiefenthaler Es betrifft eher die Wissensarbeit, flexibles Arbeiten hängt schon sehr mit einem E-Mail-Account zusammen. Aber auch wenn man ständig erreichbar ist, um eine Schicht zu tauschen, sind wir schon bei der pausenlosen Erreichbarkeit.

 

Was ist gut daran, ständig erreichbar zu sein?

Hartner-Tiefenthaler Wenn mich mein Chef außerhalb der Arbeitszeit anruft und mir zu einem Projekt gratuliert, ist es positiv. Flexibles Arbeiten hat viele Facetten, sogar die Ernährung. Menschen, die flexibler arbeiten, ernähren sich gesünder, weil man zu Hause weniger Fast Food isst.

 

Wie wirkt es sich auf den Schlaf aus?

Hartner-Tiefenthaler Wir arbeiten gerade an einer Studie und suchen noch Teilnehmer. Dazu wird eine App aufs Handy installiert, die aufzeichnet, wann und wozu man das Smartphone aktiviert. Zu diesen anonymen Daten müssen die Teilnehmer jeden Tag einen Fragebogen ausfüllen. Damit wollen wir feststellen, wie es sich auf den Schlaf auswirkt, wenn man kurz davor gearbeitet hat.

 

Ist das Arbeitszeitgesetz eigentlich noch zeitgemäß?

Hartner-Tiefenthaler Darin sind auch Ruhezeiten festgeschrieben, das ist schon sehr sinnvoll. Was in den Fokus rücken sollte, ist die Frage der Definition und der Bezahlung. Wenn ich Mails ansehe, ist das Arbeit? Wie wird sie bezahlt? Ich sehe auch keine Lösung. Aber es muss diskutiert werden. VN-mip

„Es geht darum, über die Flexibilität selbst ­entscheiden zu ­dürfen.“

Zur Person

Mag. Dr. Martina Hartner-Tiefenthaler

ist heute, Dienstag, bei den Werkstattgesprächen in Klaus bei der Firma „WolfVision“ zu Gast. Sie spricht zusammen mit Welf Schröter über die Herausforderungen der neuen Arbeitswelt. Beginn: 19 Uhr. 

Geboren 21.04.1977

Ausbildung Studierte Management, Business and Administration am New College Durham (UK) und Psychologie an der Universität Wien, wo sie promovierte.

Forschung Beschäftigt sich aktuell an der TU Wien mit den psychologischen und organisationalen Einflussfaktoren des flexiblen Arbeitens. Außerdem interessiert sie sich dafür, wie Innovationen entstehen.

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