Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Das gilt wohl auch für Züge

30.10.2017 • 17:40 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Herbstferien. Eine glückliche Fall-Fügung der Feiertage bewirkt, dass sie ausnahmsweise in allen Bundesländern gleichzeitig stattfinden. Muss man ausnützen! Die Teenager wollten unbedingt ins Ländle. Super, macht das doch.

Ich habe sie also mit dem Auto zum Hauptbahnhof gebracht. Immerhin fuhr ich diesmal nicht ums Haar irrtümlich Richtung Südautobahn, so wie letztes Mal, wo ich gerade noch die Kurve kriegte, unter, wie ich mit anhaltender Dankbarkeit sagen muss, schutzbeengelten Umständen. Trotzdem. Richtung Westbahnhof wäre so was nicht passiert.

Ich vermisse den Wiener Westbahnhof. Zu lange war der Westbahnhof meine Abfahrt und meine Ankunft, und obwohl ich nicht, wie es anderen Freunden passiert, noch immer irrtümlich am Westbahnhof einsteigen will, so werde ich doch jedes Mal wehmütig, wenn ich am zugigen Gleis 8 des Wiener Hauptbahnhofs auf die Einfahrt des Zuges warte. Oder am überaus prosaischen Bahnhof Meidling, der besser an die zuständige U-Bahn angeschlossen ist, sich aber wegen kurzer Zug-Haltezeiten nicht so gut eignet, um abfahrende Teenager und ihr ausuferndes Gepäck sicher auf ihren reservierten Plätzen zu verstauen. Ein großer Koffer nur diesmal, sind wir uns einig? Ja, Mutter, kein Problem. Also zusätzlich zu den zwei Rucksäcken und der riesigen Umhängetasche, die hinter dem Rücken der Erziehungsberechtigten gepackt wurden und erst unmittelbar vor der Abreise auftauchen. Was ist das??? Chill, Mutter, wir machen das schon.

Also zum Hauptbahnhof. Ja, Veränderungen sind gut und notwendig. Wer sich nicht verändert, bleibt stehen, das gilt wohl gerade auch für Züge. Dennoch: Der Westbahnhof stand mir so viel näher. Er ist kleiner, übersichtlicher und schöner, jedenfalls der alte Teil, mit der riesigen, strahlenden Fensterfront. Das lässt sich einfach nicht ersetzen.

Vor allem aber nicht die Gefühle, die man als Exil-Vorarlbergerin damit verbindet. Am Westbahnhof auszusteigen, das bedeutete: in der großen Stadt angekommen zu sein, die jetzt Daheim war, fernab der Kontrolle der Herkunftsfamilie. Am Westbahnhof einsteigen, das hieß: nach Hause zur Herkunftsfamilie fahren, sich in die Küche setzen, wo ein dampfender Topf Brätknödelsuppe schon auf einen wartete. Das tut er immer noch, genau so, wie man immer noch einen Platz auf der Eckbank hat.

Was fehlt, ist der über die Jahre und Jahrzehnte vertraut gewordene Westbahnhof-Moment, wo man nicht nur weiß, sondern auch riecht und spürt: Jetzt, jetzt geht‘s los.

„Am Westbahnhof auszusteigen, das bedeutete: in der großen Stadt angekommen zu sein, die jetzt Daheim war, fernab der Kontrolle der Herkunftsfamilie.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.