Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Ist das nicht eine Form von Verwahrlosung?

Vorarlberg / 27.11.2017 • 18:33 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Elternbesuch ist angesagt. Für meine Verhältnisse nehme ich es erstaunlich gelassen, ich bin ein bisschen stolz. Ich meine, es sind nur noch fünf Tage, bis sie am Bahnhof ankommen, und ich habe noch nicht begonnen, die Wohnung zu renovieren. Obwohl mir, zugegeben, wie üblich schlagartig Renovierungsbedarf ins Auge gefallen ist und dass der Teppich im Vorzimmer sich auf den Seiten, wie heißt das: aufstellt, aufrollt, aufbiegt? Jahrelang habe ich dafür kein Wort gebraucht, auch dafür gibt es nun Bedarf.

Ein aufgebogener Teppich ist eine Stolperfalle, das kann nicht so bleiben. Vielleicht am Fußboden festnageln, aber wenn man in meinem Alter auf Fußböden lebt, bei denen es wurscht ist, ob man einen Nagel hineinschlägt…. Ist das nicht eine Form von Verwahrlosung? Doppelklebeband muss auf die Liste.

Denn, okay, es existiert eine kleine, detaillierte Vorbereitungsliste für die fünf Tage bis zur Erzeuger-Ankunft, hier ein kleiner Auszug.

Tag 1: Sofaüberzug waschen, weil das wollte man eh schon lange. Vielleicht Fenster putzen.

Tag 2: Langsam damit anfangen, ausgewählte Stücke Bügelwäsche anzuhäufen, weil die Worte „Gib mir irgendwas zu tun“ garantiert fallen werden, es darf allerdings nicht zu viel sein, sonst riskiert man den „Meinerseel-wie-kann-man-so-leben“-Blick.

Tag 3: Eine Liste von Themen vorbereiten, über die man mit dem Vater reden kann, ohne dass er in Rage gerät, bzw. die man unkompliziert anschneiden und ablenkungsstrategisch einsetzen kann, falls doch. Ausgewählte Zeitungen und Zeitschriften sammeln und auf einem zufällig wirkenden Stoß für den Vater bereitlegen. Obendrauf das Buch mit dem elendslangen Hader-Porträt ablegen, das lenkt ihn vielleicht von der Frage ab, warum man den tropfenden Wasserhahn nicht schon längst repariert hat, das ist doch kinderleicht und in einer halben Stunde erledigt.

Tag 4: Genug Landjäger einkaufen. Eine Liste von zumutbaren Gasthäusern in der näheren Umgebung erstellen: kein Fisch, kein Lamm, kein Geflügel (zu viele Knochen), bloß nichts Exotisches. Die Worte „Das habe ich ja noch nie gegessen!“ mögen in anderen Familien freudige Erwartung ausdrücken, in dieser nicht.

Tag 5: Saugen und putzen. Dann die Eltern mit dem Auto am Bahnhof abholen. Das Navi kann ich ausschalten, der Vater wird mir den Weg zu meiner Wohnung weisen: „Wärs nicht gescheiter, du würdest da fahren?“ Sich mental darauf vorbereiten, dass man nie zu alt ist, um sich wieder wie 13 zu fühlen.

Endlich wieder jung! Nur noch fünf Mal schlafen; ich freue mich schon sehr.

„Elternbesuch ist angesagt. Für meine Verhältnisse nehme ich es erstaunlich gelassen, ich bin ein bisschen stolz.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.